Rückschau

Ein Leben als Moslem

11. Juni 2015 / Rückschau

„Am Anfang war die Flucht“, so Professor Dr. Ahmad Milad Karimi, der auf Einladung der Buch- und Kunsthandlung Maria Laach ins Laacher Forum gekommen war: „Ich sehe mich als kleiner Junge vor einer Moschee. Der Junge hat keine Heimat, der Krieg hat sie ihm gestohlen.“ Mit seinen Eltern musste der damals Dreizehnjährige aus seiner Heimat Afghanistan fliehen und gelang auf abenteuerlichen Umwegen 1993 nach Deutschland. Von seiner Welt in Kabul konnte der Jugendliche keinen Abschied nehmen.

Heute fragt der renommierte Professor für Islamische Philosophie und Mystik am Zentrum für Islamische Theologie in Münster: „Wo bleibt der kleine Junge heute? Ich habe Kabul und mich selbst zerrissen, bleibe ein Zwischenweltler und fühle mich mit Zwischenweltlern verbunden.“ Aus Furcht vor den einschlagenden Raketen betete er seinen Lieblingskoranvers: „Und Er ist mit euch, wo ihr auch seid“ (Koran 57:4). Die Verse schenkten ihm ein Gottvertrauen, das ihn auf seiner Flucht begleitete. Erzählt Ahmad Milad Karimi von seinem Glaubensleben, wird etwas von der Geborgenheit in Gott deutlich, wie sie auch Christen vertraut ist: „Wenn ich den Koran vortrug, herrschte Frieden. Verließ ich die Moschee, holte mich der Krieg sehr schnell ein.“

Wie aber geht ein aufgeklärter Moslem heute mit den dunklen Stellen des Korans um, wird etwa die brutale Verfolgung Andersgläubiger oder die Züchtigung der Ehefrau gefordert? Für Professor Dr. Ahmad Milad Karimi sind dies die „schwerfälligen Stellen“, die er auch in Maria Laach nicht glätten wollte. „Wenn ich das tun würde, hätte ich Ihre Sympathien, aber ich würde der Sache nicht gerecht.“ Im Laacher Forum versuchte der Islamwissenschaftler diese Stellen in die Neuzeit zu übersetzen. Gebe der Koran beispielsweise den Rat, seine „widerspenstige“ Frau nach der dritten vergeblichen Ermahnung zu schlagen, „kann ich nicht sagen, dass das Quatsch ist. Und ich kann nicht sagen, dass ich sie schlage.“ Vielmehr deutet er die Stelle um und setzt an Stelle des Wortes „Schlagen“ ein „sich trennen“. Doch hindert diese Auslegung fundamentalistische Glaubensbrüder nicht, den Text wörtlich umzusetzen. Um seine Position zu verdeutlichen, charakterisierte Karimi religiösen Fundamentalismus als eine Haltung, die den Koran zu verstehen glaubt. Fundamentalisten wollten Gott und den Koran schützen und sich nicht von Gott und vom Koran schützen lassen. Es sei nicht legitim, den Koran als das reine Wort Gottes zu bezeichnen und zu behaupten, ihn zu verstehen, meinte der Wissenschaftler in Maria Laach: „Sein Wissen als absolutes Wissen neben Gott zu stellen ist unislamisch, da man dann mit Gott auf der gleichen Stufe steht.“ Beim Wort Gottes habe man nicht das gleiche Niveau wie der Verfasser. Deshalb taugt der Koran auch nicht als „Nachschlagewerk für Alltagsprobleme“. Vielmehr sei der Koran „ein rhythmischer Text voller Klang und Musikalität“, der sich nur gesungen erschließt. „Wenn Sie im Koran lesen, wissen sie nicht, worum es überhaupt geht.“ Er sei weder historisch noch in irgendeiner Weise chronologisch aufgebaut und damit auch keine Wort für Wort zu lesende Schrift. Der Koran müsse metaphorisch verstanden werden, führte der Referent aus: „Die poetische Perspektive gibt einen adäquaten Zugang zum Text.“ Und der Referent verwies auf die Mehrheit der Moslems, die den Koran in diesem Sinne auslegt: „Die Mehrheit ist ein Garant dafür, was wahr und was falsch ist.“

In der anschließenden Diskussion konnten Probleme offen angesprochen und Unterschiede zum radikalen Islam weiter verdeutlicht werden. Ahmad Milad Karimi verleiht den toleranten Moslems eine Stimme, die Respekt und Gehör verdient.

Bericht: E.T. Müller, Medienbüro Burgbrohl


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