Rückschau

Kriegstraumata, Familiengeheimnisse und Kriegsenkel

1. Juni 2015 / Rückschau

Über das „Was vom Krieg übrig blieb“ und „Über die Spätfolgen in Familienbeziehungen“ sprach die Kölner Journalistin Sabine Bode auf Einladung der Buch- und Kunsthandlung Maria Laach im Klosterforum. 70 Jahre nach Kriegsende sind die Ursachen und Folgen des II. Weltkriegs wissenschaftlich aufgearbeitet, nicht aber die langfristigen Folgen für das Leben der Kriegskinder und Kriegsenkel, ein Gebiet, auf dem Sabine Bode in drei Büchern wertvolle Pionierarbeit geleistet hat.

„Ein Drittel der Deutschen leidet noch heute unter den Nachwirkungen des Krieges“, stellte die Referentin gleich zu Beginn im Laacher Forum fest. Sabine Bode, im Jahr 1947 geboren, bekam als Kind die Abwertepädagogik der Nachkriegsjahre zu spüren – ständige Ermahnungen und Zurechtweisungen, mal mit, mal ohne Schläge: „So waren auch Kinder vor dem Krieg behandelt worden, aber nicht so rabiat. Soldatenväter ertrugen die Unbeschwertheit ihrer Kinder nicht, weil sie ständig überlastet waren, weil sie Dampf ablassen konnten, vor allem aber, weil diese Pädagogik so gut funktionierte. Eingeschüchterte Kinder machen vielleicht ins Bett, aber sie machen keinen Lärm. Kinder in belasteten Nachkriegsfamilien gab es viele.“

In mehreren Biographien, die die Buchautorin als Interviews gesammelt hat, spürt sie verschiedenen Familiengeschichten nach, dem Schicksal der Eltern und damit verknüpft dem Schicksal der Nachkriegsgeneration. Kinder dieser Generation konnten das Verhalten ihrer Eltern oft nicht verstehen. Bei einem Nachkriegskind brachte es ein abgegriffenes Schwarzweißfoto ans Licht, dass der Vater bereits eine andere Familie gehabt hatte: „Er war in Brüssel bei Yvonne und dem Kind.“ Ein Leben lang trauerte der Vater dieser Beziehung nach. Erst jetzt konnte der Sohn die Wut seines Vaters verstehen. Und wie soll der Sohn, die Tochter mit der Tatsache zurechtkommen, dass der Vater ein Nazi war? „Vater war nicht Opfer, er war auch Täter. Er kämpfte nicht für die Nazis, er kämpfte als Nazi“, zitierte die Buchautorin ein Kriegskind. Unter der Käseglocke von Familiengeheimnissen empfanden Kinder ihr Elternhaus beengend.

Sabine Bode: „Es gibt kaum eine Familie ohne die Spuren der NS-Zeit.“ Der Holocaust war so erschlagend, dass eigene Gefühle dahinter verschwanden, das Unglück so groß, dass die Elterngeneration nicht darüber sprechen konnte. Und die Referentin weiter: „Der undurchdringliche Nebel, mit dem die Nachkriegsgeneration konfrontiert war, konnte durch die emotionale Aufarbeitung durchlöchert werden.“ Verschlossene Kriegsväter mit oft gebrochenen Persönlichkeiten konnten gegenüber ihren Kindern keine Freude zeigen. Dort gab es keine tiefe Vater-Kind-Beziehung, dafür aber Probleme. So auch bei Iris. Die Ehe ihrer Eltern, zweier seelisch verletzter Menschen, „muss der Horror gewesen sein.“ Später sagte die Tochter zu ihrem Vater: „‚Weißt Du, warum ich keinen Mann gefunden habe? Weil ich Dich zum Vater habe.‘ Wenn ein Mann nur einen Funken dieses Vaters zeigte, war es vorbei. Andererseits hielt Iris nichts von Weicheiern. ‚Mein Vater war mein Trainingscamp. So habe ich gelernt, mich gegen Männer durchzusetzen. Ich habe aber nie gelernt, Männern zu vertrauen.‘“ Und Sabine Bode ergänzt: „Wo Familiengeheimnisse das eigene Leben blockieren, erkennen sich die Menschen in Büchern wieder.“ Auch in der anschließenden Diskussion suchten Zuhörer nach Antworten. Dabei wurde im Laacher Forum deutlich, dass sich Geschichte weltweit und auch heute in Deutschland wiederholt, z.B. bei Afghanistanheimkehrern. Sabine Bode: „Es ist ein globales Thema, Aber muss es immer so lange dauern, bis das Schweigen bröckelt? Diese Sprachlosigkeit kann nur durch einen Anstoß von außen gebrochen werden.“

Bericht: E.T. Müller, Medienbüro Burgbrohl


Zurück