Laacher Messbuch

33. Sonntag im Jahreskreis

19. November 2017

So spricht der Herr:
Ich sinne Gedanken des Friedens und nicht des Unheils.
Wenn ihr mich anruft, so werde ich euch erhören
und euch aus der Gefangenschaft
von allen Orten zusammenführen.
Jer 29,11.12.14

Das politische Handeln der Mächtigen orientiert sich seit jeher an »Interessen«. Angesichts einer sich ständig wandelnden, latent instabilen Welt erscheint vielen eine längerfristige Orientierung an vernünftigen und ethischen Handlungsmaximen eher als Luxus. Deshalb gilt: Das Nützliche ist das Gebotene! Doch solches Denken und Handeln greift zu kurz und verwechselt zudem Ursachen mit Wirkungen. Könnte es nicht so sein, dass gerade die Ausrichtung an kurzfristigen Interessen die gefürchteten Instabilitäten befördert? In Jer 29 geht es um eine ähnliche Problemlage. Die Situation ist folgende: Nach der verheerenden Niederlage gegen die Babylonier ist die soziale, politische und religiöse Führungsschicht der Juden nach Babylon deportiert worden. Einige Propheten dort prophezeien die baldige Heimkehr. In einem von JHWH initiierten und inspirierten Brief muss Jeremia seinem Volk von Jerusalem aus aber eine andere Wahrheit mittteilen: Die Exilierten sollen sich für längere Zeit in der fremden Stadt Babylon einrichten, für deren Wohl arbeiten und auf diesem Weg ihre Rückkehr ermöglichen. Das wird einen langen Atem erfordern. Aber es wird sich lohnen! Jeremia gibt in seinem Brief einen tiefen Einblick in das, was Gott antreibt und sein Handeln an seinem Volk letztlich und langfristig motiviert: »So spricht der Herr: Ich sinne Gedanken des Friedens und nicht des Unheils.« Dieses Handeln ist nachhaltig und zielt auf einen umfassenden Frieden/Schalom. Er schließt auch »die anderen«, die Babylonier, mit ein. Wem dieser Weg zu lang erscheint, der soll sich in den Momenten des Zweifels erinnern: »Wenn ihr mich anruft, so werde ich euch erhören und euch aus der Gefangenschaft von allen Orten zusammenführen.«

Kyrie-Rufe

GL 556,2 • KG 802,1
Herr Jesus Christus, du vertraust uns viele Talente an. Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, du willst, dass wir unsere Talente einsetzen. Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, du willst nicht, dass wir aus Angst unsere Talente vergraben. Herr, erbarme dich.

Gloria



Tagesgebet


Gott, du Urheber alles Guten, du bist unser Herr. Laß uns begreifen, dass wir frei werden, wenn wir uns deinem Willen unterwerfen, und daß wir die vollkommene Freude finden, wenn wir in deinem Dienst treu bleiben. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Erste Lesung

Spr 31,10–13.19–20.30–31
Lesung aus dem Buch der Sprichwörter.
Eine tüchtige Frau, wer findet sie? Sie übertrifft alle Perlen an Wert. Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie und es fehlt ihm nicht an Gewinn. Sie tut ihm Gutes und nichts Böses alle Tage ihres Lebens.
Sie sorgt für Wolle und Flachs und schafft mit emsigen Händen. Nach dem Spinnrocken greift ihre Hand, ihre Finger fassen die Spindel.
Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen und reicht ihre Hände dem Armen.
Trügerisch ist Anmut, vergänglich die Schönheit, nur eine gottesfürchtige Frau verdient Lob. Preist sie für den Ertrag ihrer Hände, ihre Werke soll man am Stadttor loben. |F

¬ Mit Spr 31,10–31 endet das Buch der »Sprichwörter«, eine großartige Sammlung hebräischer Weisheitssprüche, die traditionell unter dem Patronat König Salomos stehen. Zu Beginn des Buchs steht die »Frau Weisheit« im Fokus und kommt dort selbst zu Wort (Spr 8,1–36). Der poetische Schlusstext, Spr 31,10–31, ist ein großes Lobgedicht auf die ideale (Ehe)Frau. Dieses Gedicht sollte unbedingt als Ganzes gelesen werden. Erst dann werden seine Schönheit und seine Kraft richtig deutlich. Entworfen wird das Bild einer selbstständigen, zupackenden und vorausschauenden Frau. Sie steht selbstbewusst und kraftvoll im Leben. Von ihren Kindern und ihrem Mann erfährt sie ungeteilte Wertschätzung. Sie ist eine sozial engagierte und solidarische Frau, die ihre Anliegen mit Klugheit und Nachdruck nach innen und nach außen vertritt. Ihre spirituelle Lebensverankerung findet sie in Gott. Sie ist eine Frau, die Lebendigkeit und Weisheit ausstrahlt und so auf ihre ganz eigene Art ein Abbild der »Frau Weisheit« ist. Das Lobgedicht in Spr 31,10–31 will real existierende Frauen aber nicht überfordern. Vielmehr geht es ihm darum, den Blick von Frauen und Männern auf das reale Wirken von Frauen zu lenken, eine wertschätzende Haltung diesen gegenüber zu fördern und zum Respekt gegenüber den Freiräumen von Frauen anzuhalten.

Antwortpsalm

Ps 128,1–5 (|R: vgl. 1a)
|R: Selig die Menschen, die Gottes Wege gehen!
Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt *
und der auf seinen Wegen geht!
Was deine Hände erwarben, kannst du genießen; *
wohl dir, es wird dir gut ergehn. – |R
Wie ein fruchtbarer Weinstock ist deine Frau *
drinnen in deinem Haus.
Wie junge Ölbäume sind deine Kinder *
rings um deinen Tisch. – |R
So wird der Mann gesegnet, *
der den Herrn fürchtet und ehrt.
Es segne dich der Herr vom Zion her. *
Du sollst dein Leben lang das Glück Jerusalems schauen. – |R

Zweite Lesung

1 Thess 5,1–6
Lesung aus dem ersten Thessalonicherbrief.
Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.
Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau und es gibt kein Entrinnen. Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, sodass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis.
Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein. |F

¬ »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!« Dieser Michail Gorbatschow zugeschriebene Spruch war ursprünglich als eine Mahnung gedacht. Die Regierenden in der DDR des Jahrs 1989 sollten sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Volk bewusst werden und Reformen einleiten. Verstanden haben die Angesprochenen den Satz nicht. Wie die Geschichte dann weiterverlief, ist allseits bekannt. Und aus dem mahnenden Satz wurde rasch ein geflügeltes Wort, das immer dann fällt, wenn Einzelne oder Gruppen nicht verstehen wollen oder können, dass ein Wandel oder ein Wechsel von Verhältnissen ansteht. Hätte Paulus dieses griffige Wort gekannt, er hätte es sicher verwendet, um zu mahnen. Seine Adressaten wären all jene Menschen außerhalb der christlichen Gemeinde gewesen, die ihr Leben und ihre Verhältnisse als sicher und friedlich erachteten und nicht im Geringsten mit dem »Tag des Herrn« rechneten. Dieser »Tag des Herrn« galt ihm und der jüdischen apokalyptischen Tradition als ein Datum, da Gott in seiner herrscherlichen und richtenden Funktion allgemein präsent werden würde. Die Folge: Die bis dahin erlebte Geschichte wäre definitiv an ihr Ende gelangt und damit auch alle bisherigen sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse. Ein radikaler Riss im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft! Die Gemeinde in Thessalonich braucht Paulus hiervor nicht zu warnen. Er geht davon aus, dass sie als »Töchter und Söhne des Lichts« um diesen Tag wissen und deshalb ihr Christsein nüchtern, wach und präsent leben. Seit der Zeit des Paulus hat die Erwartung eines »Tages des Herrn« in den christlichen Gemeinden merklich nachgelassen. Pauli Ruf nach einem Christentum, das seinen Glauben jederzeit »geistesgegenwärtig« lebt, bleibt jedoch aktuell. Heute mehr denn je!

Ruf vor dem Evangelium

Joh 15,4a.5b
Halleluja. Halleluja.
So spricht der Herr: Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wer in mir bleibt, der bringt reiche Frucht.
Halleluja.

Evangelium

Mt 25,14–30 (Kf: 25,14–15.19–21)
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.
In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging:
Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab.<
Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.
Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.
>Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!<
Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.
Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!
Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in dieäußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. |F

¬ In Bildern hat Jesus oft und gern geredet. Das erklärt auch seine Vorliebe für Gleichnisse. Er kennt sich aus in der erzählerischen Tradition seines Volks und greift in Mt 25,14–30 eine bekannte Konstellation in Gleichnissen auf: Ein Herr oder König vertraut seinem Diener vor der Abreise Besitz an, mit der Maßgabe, diesen getreu bis zu seiner Rückkehr aufzubewahren. Jesus bricht dieses Muster auf und verfremdet es, um neue, provozierende Akzente zu setzen. Mit dem Gleichnis will er etwas über das »Gottesreich« aussagen. Das Geschehen läuft für Jesu interessierte Zuhörer und potenzielle NachfolgerInnen in drei Schritten ab: Auftrag – Ausführung – Rechenschaft. Der Schwerpunkt liegt auf dem 3. Schritt. Rasch wird klar, dass es dem Herrn, damit ist niemand anderer als Gott gemeint, nicht um Besitzwahrung, sondern um Besitzmehrung geht. Dementsprechend werfen sich die beiden ersten Diener, die ihren Herrn kennen, ins Zeug und schaffen jeweils einen Mehrwert. Der lobt sie und sie dürfen »in die Freude des Herrn« (gemeint ist wohl das Freudenfest im Reich Gottes) eingehen. Wie wird es dem 3. Diener ergehen? Der tritt seinem Herrn mit einer Mischung aus Trotz, Protest und versteckter Angst (die Einheitsübersetzung übersetzt den griechischen Text fälschlich mit »faul«) entgegen. Genau das kritisiert der Herr dann auch (V. 26): »Du schlechter und ängstlicher Diener!« Für Finanzangelegenheiten des Herrn hat er sich mit seinem mangelnden Einsatz offenbar nicht qualifiziert. Da es im Gleichnis aber hintergründig um das Reich Gottes geht, will es die Adressaten im Blick darauf provozieren und dafür werben: Um sich für dieses Reich einzusetzen, braucht es Mut, Einsatz, Finesse, Hingabe und vor allem eine Liebe, die vor Gott keine Angst zu haben braucht. An Jesus selbst können sie das erkennen.

Credo



Fürbitten


Guter Gott, du willst, dass wir Mut, Einsatz und Hingabe für dein Reich aufbringen. Wir bitten dich:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
– Für alle, die sich für deine Sache einsetzen, um Kraft und Mut.
– Für alle, die sich ängstlich zurückhalten, um Vertrauen.
– Für alle, die bei ihrem Einsatz scheitern, um Barmherzigkeit.
– Für alle, die nicht wissen, wo sie ihre Talente haben, um Menschen, die Talente bei anderen erkennen und es ihnen sagen.
– Für unsere ganz persönlichen Anliegen …
– Für die Verstorbenen um deinen ewigen Lohn.
Gott wir danken dir, dass du uns so viel anvertraust, und bitten dich, bleibe bei uns jetzt und immer. Amen.

Gabengebet


Herr, unser Gott, die Gabe, die wir darbringen, schenke uns die Kraft, dir treu zu dienen, und führe uns zur ewigen Gemeinschaft mit dir. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Präfation

Sonntage II
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater, zu danken und das Werk deiner Gnade zu rühmen durch unseren Herrn Jesus Christus. Denn aus Erbarmen mit uns sündigen Menschen ist er Mensch geworden aus Maria, der Jungfrau. Durch sein Leiden am Kreuz hat er uns vom ewigen Tod befreit und durch seine Auferstehung uns das unvergängliche Leben erworben. Darum preisen dich deine Erlösten und singen mit den Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit.

Einladung zum Vaterunser


Gott vertraut uns unermesslich viel an, weil wir seine Kinder sind. Wir dürfen zu ihm Vater sagen: Vater unser im Himmel …

Einladung zum Friedensgebet


Friede ist etwas Zerbrechliches, Kostbares, uns allen anvertraut. Lassen wir uns ihn von Gott schenken und geben wir unseren Mitmenschen ein Zeichen unseres Friedenswillens: Herr Jesus Christus …

Kommunionvers

Ps 73,28
Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich setze mein Vertrauen auf Gott, den Herrn.
Oder: Mk 11,23–24
So spricht der Herr: Amen, ich sage euch: Betet und bittet, um was ihr wollt, glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.

Schlussgebet


Barmherziger Gott, wir haben den Auftrag deines Sohnes erfüllt und sein Gedächtnis begangen. Die heilige Gabe, die wir in dieser Feier empfangen haben, helfe uns, dass wir in der Liebe zu dir und unseren Brüdern Christus nachfolgen, der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Schlusssegen

Segensgebet über das Volk, Nr. 24
Herr, unser Gott, erfülle die Herzen deiner Gläubigen mit deiner Kraft und Gnade, damit sie im Gebet dich ehren und in lauterer Liebe einander dienen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, komme auf euch herab und bleibe bei euch allezeit.

***

Ich habe (doch) kein Talent …
Doch: Du hast!
Jede und jeder hat
ein oder mehrere Talente.

An dir,
an mir,
an uns liegt es,
was daraus zu machen.


Michael Hartmann