Laacher Messbuch

1. Fastensonntag

18. Februar 2018

Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören.
Ich bin bei ihm in der Not,
befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
Ich sättige ihn mit langem Leben
und lasse ihn mein Heil schauen.
Ps 91,15–16

Gott lädt uns ein, aus seiner Kraft zu leben. Dagegen steht die Selbstverständlichkeit, mit der wir das Wunder des Lebens überhaupt und das Wunder unseres eigenen Seins und Werdens betrachten. Dagegen steht unsere Anmaßung, mit der wir glauben, dass wir aus eigener Kraft leben könnten, dass alles in unserer Hand liegt, dass es an uns liegt, was wir aus unserem Leben machen. Die Fastenzeit ist eine kopernikanische Wende im Glauben. So wie sich die Sonne nicht um die Erde dreht, sondern umgekehrt, müssen wir uns mit der Wirklichkeit vertraut machen, dass nicht wir es sind, die Gott gemacht haben, sondern er uns geschaffen hat. Diese Wende heißt Umkehr. Karl Barth bat Gott: »Kehre du uns von uns selbst weg zu dir hin! Lass es nicht zu, dass wir es ohne dich machen wollen!« Und Thomas Morus: »Herr, lass nicht zu, dass ich mir allzuviel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich ›Ich‹ nennt.«

Kyrie-Rufe

Oder: GL 163,4 • KG 60,3
Herr Jesus Christus, du lebst im vollkommenen Vertrauen auf deinen Vater. Herr, erbarme dich.
Du lädst uns ein, mit dir auf den Vater zu vertrauen. Christus, erbarme dich.
Du bist immer bei uns, in Freud und Leid, in Sorglosigkeit und Angst. Herr, erbarme dich.

Tagesgebet


Allmächtiger Gott, du schenkst uns die heiligen vierzig Tage als eine Zeit der Umkehr und der Buße. Gib uns durch ihre Feier die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen. Darum bitten wir durch ihn, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Erste Lesung

Gen 9,8–15
Lesung aus dem Buch Genesis.
Gott sprach zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind.
Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.
Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet. |F

¬ Wenn Gott einen Bund schließt, ist das eine Wiederherstellung der ursprünglichen Beziehung, die Gott zum Menschen in der Schöpfung hatte. Diese Beziehung schließt auch die Tiere mit ein. Ausdrücklich heißt es, dass der Bund zwischen Gott und den Menschen und zwischen Gott und den lebendigen Wesen gestiftet ist. Das entspricht der Aussage des sogenannten zweiten Schöpfungsberichts, nachdem der Mensch und alle Tiere des Feldes und alle Vögel der Luft aus der Ackererde gemacht sind. Bei genauerer Lektüre ist der Mensch sogar »niedriger« als die Tiere: Denn beim Menschen ist die Rede nicht vom fruchtbaren, wassergetränkten Ackerboden, sondern vom »Staub«. »Er wurde aus dem unfruchtbaren Staub gemacht, aus dem Staub der Wüste, der beides ist, wertlos und überreichlich vorhanden« (Joshua Abraham Heschel). Diese Niedrigkeit des Menschen ist zugleich seine höhere Stellung im Blick auf sein Angewiesensein auf Gott. Die Pflanzen und Tiere entwachsen gewissermaßen der Natur, der Mensch aber liegt ganz in Gottes Hand. Der Mensch ist Handarbeit Gottes, der ihn schuf und formte.
Verbunden sind Mensch und Tier in ihrer Fleischlichkeit, die zugleich Verwundbarkeit bedeutet. Meine Leiblichkeit und Verletzlichkeit sind meine Armut vor Gott. Wir dürfen uns mit Christus identifizieren, der selbst verletzt und verwundet wird und der vor seinem Vater ebenfalls arm ist, weil er alles von seinem Vater empfängt. Der Mensch, der mit Atem beseelte Erdling, ist kein Solosänger des göttlichen Lobpreises. Er ist »Kantor des Universums« (J. A. Heschel) im Chor aller Geschöpfe, der Tiere auf dem Boden und der Vögel des Himmels: »Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja« (Ps 150,6). Dieses Lob verbindet Himmel und Erde – wie der Regenbogen!


Antwortpsalm

Ps 25,4–9 (|R: vgl. 10)
|R: Deine Wege, Herr, sind Huld und Treue für alle, die deinen Bund bewahren.
Zeige mir, Herr, deine Wege, *
lehre mich deine Pfade!
Führe mich in deiner Treue und lehre mich; /
denn du bist der Gott meines Heiles. *
Auf dich hoffe ich allezeit. – |R
Denk an dein Erbarmen, Herr, /
und an die Taten deiner Huld; *
denn sie bestehen seit Ewigkeit.
Denk nicht an meine Jugendsünden und meine Frevel! *
In deiner Huld denk an mich, Herr, denn du bist gütig. – |R
Gut und gerecht ist der Herr, *
darum weist er die Irrenden auf den rechten Weg.
Die Demütigen leitet er nach seinem Recht, *
die Gebeugten lehrt er seinen Weg. – |R

Zweite Lesung

1 Petr 3,18–22
Lesung aus dem ersten Petrusbrief.
Liebe Schwestern und Brüder! Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.
Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.
Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi, der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen. |F

¬ Die Bewegung Jesu ist eine nach unten. Er ist ganz eins mit Gott, hat sich um der Menschen willen vom Vater gelöst und wurde (wie am Aschermittwoch gehört) für uns zur Sünde gemacht (2 Kor 5,21). Es ist aber auch eine Bewegung nach oben genannt: Auferstehung, Himmelfahrt, Leben zur Rechten Gottes. Die gesamte Abwärts-Aufwärts-Bewegung ist biblisch vielfach belegt: Der Regen fällt vom Himmel, tränkt die Erde und lässt es wachsen (Jes 55,10f.); »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lk 24,26); das Weizenkorn fällt in die Erde und stirbt und bringt reiche Frucht (Joh 12,24). David Steindl-Rast hat darauf hingewiesen, dass im apostolischen Glaubensbekenntnis den vier Schritten der Erniedrigung vier Erhöhungen entsprechen: (1) gekreuzigt, (2) gestorben, (3) begraben, (4) hinabgestiegen in das Reich des Todes; und dann aufwärts: (1) auferstanden, (2) aufgefahren, (3) sitzen zur Rechten Gottes, (4) zu richten die Lebenden und die Toten. Dem entspricht die Bewegung der Taufe: Wir werden ins Wasser eingetaucht, »sterben« unter Wasser dem alten Leben ab und tauchen auf ins neue Leben mit und in Christus. Unter Wasser können wir nicht atmen und erfahren, dass wir Gott zum Leben brauchen wie die Luft zum Atmen. Wir sind eingeladen, uns in die Abwärtsbewegung einzuschwingen, um an Ostern von Gott zusammen mit Christus erhöht zu werden.

Ruf vor dem Evangelium

Vgl. Mt 4,4b
Lob dir, Christus, König und Erlöser!
Nicht nur von Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.
Lob dir, Christus, König und Erlöser!

Evangelium

Mk 1,12–15
Aus dem heiligen Evangelium nach Markus.
In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! |F

¬ Jesus wird vom Geist in die Wüste »hinausgeworfen«, so heißt es wörtlich. Was geschah unmittelbar davor? Jesus ließ sich am Jordan taufen und wurde vom Vater als Sohn bestätigt: »Du bist mein geliebter Sohn« (Mk 1,11). Wir sollten die ganze Topographie von Taufe und Versuchung Jesu mitgehen. Der Jordan steigt auf kürzester Strecke neunhundert Höhenmeter hinab, an den tiefsten Punkt der Weltoberfläche, der 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Bei Matthäus wird die Aufwärtsbewegung deutlicher als bei Markus ausgestaltet: »Getauft aber stieg Jesus sofort herauf vom Wasser« (wörtlich) und wird vom Geist in die Wüste »hinaufgeführt«. Wir können so den ganzen Weg Jesu in Leiden und Tod bis zur Auferstehung in einem geistlichen Zeitraffer mitgehen. Indem Jesus sich bei seiner Taufe in die Reihe der Sünder einreiht, geht er eine Gemeinschaft mit uns ein, die wir wirklich der Umkehr bedürfen.
Die vierzig Tage sind Symbolzahl für die Zeit einer Not, der Entsagung und Prüfung, mit der Aussicht auf Gottes Eingreifen. 40 Tage und Nächte dauerte die Sintflut. 40 Jahre wandert Israel durch die Wüste ins gelobte Land. Es ist eine bedeutungsvolle Zeitspanne: 40 Tage und Nächte ist Moses auf dem Berg Sinai und Elija marschiert 40 Tage durch Gottes Speise gestärkt bis zum Horeb. Beim Mystiker Johannes Tauler ist das vierzigste Lebensjahr das Datum, an dem Gott »das Haus des Menschen umkehrt«. Wir denken an die Krise der Lebensmitte, in der der Mensch sich neu ausrichtet.
Es wird im Text gar nicht gesagt, wodurch Jesus versucht wurde. So bleibt viel Spielraum, unsere eigenen Versuchungen zu bedenken. Das Umgebensein Jesu durch wilde Tiere und Engel zeigt eine paradiesische Situation, wie bei Ezechiel, der den Menschen im Garten Eden von kostbaren Edelsteinen und einem Schutzengel umgeben sieht: »Einem Kerub mit ausgebreiteten, schützenden Flügeln gesellte ich dich bei« (Ez 28,14). Aus der Taufe und diesem paradiesischen Zustand ergibt sich eine doppelte Bestimmung Jesu: Er ist der Sohn Gottes und er ist »der neue Mensch, in dessen Gemeinschaft die Schöpfung zum Frieden findet« (Meinrad Limbeck).


Fürbitten


Gott, Vater der Versöhnung, im Zeichen des Regenbogens hast du den Bund mit uns geschlossen und in Christus hast du Himmel und Erde zusammengefügt. Wir empfehlen die alle, die in Zerrissenheit leben:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
– Die in Zwietracht leben mit anderen, füge zusammen.
– Die zerstreut sind im oberflächlichen Alltag, füge zusammen.
– Die das eine sagen und das andere tun, füge zusammen.
– Deren Leben zerbricht in großer Not, füge zusammen.
– Die gespalten sind in sich selbst, füge zusammen.
Dir, Gott, danken wir dir durch Christus, unseren Herrn, im Heiligen Geist, dem Band der Liebe, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Gabengebet


Herr, unser Gott, wir bringen Brot und Wein für das heilige Opfer, das wir zum Beginn dieser Fastenzeit feiern. Nimm mit diesen Gaben uns selbst an und vereine unsere Hingabe mit dem Opfer deines Sohnes, der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Präfation

Vom Tag
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken durch unseren Herrn Jesus Christus. Denn er hat in der Wüste vierzig Tage gefastet und durch sein Beispiel diese Zeit der Buße geheiligt. Er macht die teuflische List des Versuchers zunichte und lässt uns die Bosheit des Feindes durchschauen. Er gibt uns die Kraft, den alten Sauerteig zu entfernen, damit wir Ostern halten mit lauterem Herzen und zum ewigen Ostern gelangen. Darum preisen wir dich mit den Kerubim und Serafim und singen mit allen Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit.

Einladung zum Vaterunser


Manchmal glauben wir, wir könnten aus eigener Kraft die Welt retten. Doch alle Kraft vom Vater. Er baut das Reich, nicht wir. Er ist die Herrlichkeit, nicht wir. Wir beten: Vater unser im Himmel …

Einladung zum Friedensgebet


Wir können zum Frieden beitragen, ihn aber nicht machen. Wir können Schritte zum Frieden gehen, aber den Weg zum Frieden bahnt Gott selbst. Darum bitte wir: Herr Jesus Christus …

Kommunionvers

Ps 91,4
Mit seinen Flügeln schirmt dich der Herr, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht.
Oder: Mt 4,4
Nicht nur vom Brot lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

Schlussgebet


Gütiger Gott, du hast uns das Brot des Himmels gegeben, da mit Glaube, Hoffnung und Liebe in uns wachsen. Erhalte in uns das Verlangen nach diesem wahren Brot, das der Welt das Leben gibt, und stärke uns mit jedem Wort, das aus deinem Mund hervorgeht. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlusssegen

Vom Leiden des Herrn
Der barmherzige Gott, der seinen Sohn für uns dahingegeben und uns in ihm ein Beispiel der Liebe geschenkt hat, segne euch und mache euch bereit, Gott und den Menschen zu dienen.
Und Christus, der Herr, der uns durch sein Sterben dem ewigen Tode entrissen hat, stärke euren Glauben und führe euch zur unvergänglichen Herrlichkeit.
Und allen, die ihm folgen auf dem Weg der Entäußerung, gebe er Anteil an seiner Auferstehung und an seiner Herrlichkeit.
Das gewähre euch der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

***

Christus im Geheimnis des Vaters!
Bist uns voraus in Raum und Zeiten,
an des Vaters Seit’,
und willst an unserer Seite schreiten,
stets für uns bereit.

Christus im Geheimnis des Vaters!
Wenn wir den Weg nach unten meiden,
zeige uns, wie’s geht,
dass selbst in Not und großem Leiden
neuer Sinn entsteht.

Christus im Geheimnis des Vaters!
Beistand und noch mehr Begleiter
bist du mit dem Geist.
Des Vaters Raum wird weit und weiter,
bergend uns umkreist.


Wolfgang Steffel