Laacher Messbuch

15. Sonntag im Jahreskreis

16. Juli 2017

Ich will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen,
mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich einst erwache.
Ps 17,15

Christlicher Glaube vollzieht sich in einer besonderen Bewegung. Sie folgt nicht dem, was im Bierzelt gesungen wird: »Auf und nieder immer wieder«, sondern genau dem Gegenteil: hinab und hinauf. Die biblischen Belege für diese Abwärts-Aufwärts-Bewegung sind vielfältig: Jesus steigt zur Taufe an den Jordan hinab und wird vom Geist in die Wüste hinaufgeführt (Mt 3,13 – 4,1); Petrus geht im Wasser unter und Jesus zieht ihn aus der Tiefe empor (Mt 14,25–33); das Weizenkorn fällt in die Erde und stirbt und bringt Frucht (Joh 12,22–26). Es geht um Hingabe und Erhöhung durch Gott. Die Tagestexte sind verbunden durch diese Bewegung. Der Regen von oben, der ins Erdreich dringt und es nach oben sprossen lässt; die Aussaat auf guten Boden, ja in den Boden hinab, und das Fruchtbringen. Die zweite Lesung spricht vor den Tagesversen von der Einwohnung des Geists, die den Menschen befähigt, sich in der Hoffnung auszustrecken. So feiern wir heute den »Sonntag von Hinab und Hinauf«, aus Gottes Gnade und Kraft. Eine spirituelle Verbindung ist der Ackerboden, Bild für den vom Geist erfüllten Erdenmenschen (Gen 2,7). Humus, Mensch (lat.: homo) und Demut (lat.: humilitas) gehören zum gleichen Wortfeld. Der Mensch ist empfänglich für Gottes Regen und Saat.

Kyrie-Rufe

Oder: GL 164 • KG 50
Jesus Christus, du Einziger, ganz am Herzen des himmlischen Vaters. Herr, erbarme dich.
Jesus Christus, du Tau von oben, gerechter Regen vom Himmel. Christus, erbarme dich.
Jesus Christus, du Wort des Vaters, fleischgeworden, mitten unter uns. Herr, erbarme dich.

Gloria



Tagesgebet


Gott, du bist unser Ziel, du zeigst den Irrenden das Licht der Wahrheit und führst sie auf den rechten Weg zurück. Gib allen, die sich Christen nennen, die Kraft, zu meiden, was diesem Namen widerspricht, und zu tun, was unserem Glauben entspricht. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Erste Lesung

Jes 55,10–11
Lesung aus dem Buch Jesaja.
So spricht der Herr: Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe. |F

¬ Wir sind »tropfnass vom Platzregen Gottes« (Ludwig Steinherr). Alles ist Gnade, alles Gute kommt von oben, Gott schüttet reichlich aus. Selbst rissiger und ausgetrockneter Boden nimmt nach längerer Regenzeit wieder Wasser auf. Gott möchte seine Gnade tief hineinsenken. Dann geschieht Unglaubliches: »Der Himmel ergießt sich rückhaltslos in das Erdreich. Ebenso der Mensch. Er hat die tiefste Stätte eingenommen und in ihn ergießt sich Gott ganz und gar. Dieser innere Mensch fliegt zurück in seinen Ursprung« (Johannes Tauler). Hinab – hinauf! Eigentlich sind es drei Phasen: Erstens die Herabkunft des Worts in die Welt, zweitens sein Eindringen in den Acker, der Tiefpunkt von Wende und Aufbrechen, und drittens das Emporwachsen des bewässerten Korns zu Gott, nicht aus eigener, sondern aus seiner Kraft. Es ist auch die Bewegung des fleischgewordenen Wortes Jesus Christus, das, aus dem Mund des Vaters kommend, nicht leer zu ihm zurückkehrt. Jesus hat die Sendung des Vaters erfüllt und uns in seine Bewegung zum Vater mit hineingenommen. Nirgends wird diese Bewegung schöner besungen als im Philipper-Hymnus (Phil 2,6–11): Er erniedrigte sich – bis zum Tod am Kreuz –, darum hat ihn Gott erhöht.

Antwortpsalm

Ps 65,10–14 (|R: vgl. Lk 8,8)
|R: Dein Wort, Herr, fiel auf guten Boden und brachte reiche Frucht.
Du sorgst für das Land und tränkst es; *
du überschüttest es mit Reichtum.
Der Bach Gottes ist reichlich gefüllt, *
du schaffst ihnen Korn; so ordnest du alles. – |R
Du tränkst die Furchen, ebnest die Schollen, *
machst sie weich durch Regen, segnest ihre Gewächse.
Du krönst das Jahr mit deiner Güte, *
deinen Spuren folgt Überfluss. – |R
In der Steppe prangen die Auen, *
die Höhen umgürten sich mit Jubel.
Die Weiden schmücken sich mit Herden, /
die Täler hüllen sich in Korn. *
Sie jauchzen und singen. – |R

Zweite Lesung

Röm 8,18–23
Lesung aus dem Römerbrief.
Schwestern und Brüder! Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.
Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. |F

¬ Der tiefste Punkt im Abwärts sind Leiden und Tod und gerade dort ereignet sich Wende ins Aufwärts. Die christliche Bewegung kann nicht am Leiden vorbei. Am toten Punkt erfahren wir, woher unsere Kraft wirklich kommt: nicht aus uns selbst, sondern von Gott her und von Menschen her, die Gott uns in Not schickt. Paulus redet zunächst vom Stöhnen der außermenschlichen Schöpfung, die sich nach Befreiung sehnt. Er benennt, dass der Mensch als Teil der Schöpfung darum weiß, und wendet sich dann speziell dem Seufzen des Menschen zu. »Aber auch wir« – diese Worte holen uns mitten ins Geschehen. Wir sind angesprochen, einmal als Teil der Schöpfung, als leiblich Verfasste, der Vergänglichkeit unterworfen, zum anderen als mit Geist beschenkte »Kinder Gottes«, wie es kurz vorher hieß (V. 16). Diese Kindschaft ist bereits gegeben, muss aber erst noch offenbar werden: Wir »warten noch auf unsere Sohnschaft« (V. 23 wörtlich). Es ist die Spannung von »schon jetzt« und »noch nicht«: »Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung.« Der Geist ist gegeben (Röm 5,5; 12,6), aber er ist nur »Erstlingsgabe«. Paulus warnt damit vor einem Enthusiasmus, der das Heil schon verwirklicht sieht und dabei das gegenwärtige Leiden ausklammert. Die »Vergänglichkeit« spielt auf Adam als Urbild des Menschen an. Wer die Motive von Ackerboden, Vergänglichkeit, Geist und Erhöhung zum Leben verknüpfen will, meditiere 1 Kor 15,45: »Adam, der Erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der Letzte Adam (Christus) wurde lebendig machender Geist.«

Ruf vor dem Evangelium


Halleluja. Halleluja.
Der Samen ist das Wort Gottes, der Sämann ist Christus. Wer Christus findet, der bleibt in Ewigkeit.
Halleluja.

Evangelium

Mt 13,1–23 (Kf: 13,1–9)
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.
An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen.
Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie.
Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.
Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.
Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.
Wer Ohren hat, der höre!<
Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?
Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen.
An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas:
Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden und mit ihren Ohren hören sie nur schwer und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.
Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.
Hört also, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet. Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; hier ist der Samen auf den Weg gefallen.
Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall.
In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum und es bringt keine Frucht.
Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach. |F

¬ Weg, Fels und Dornengestrüpp sind durch Oberflächlichkeit gekennzeichnet. Ihnen mangelt es an Tiefe. Nur wo die Saat in die Tiefe eingeht, bringt sie Frucht. Ohne Hinab kein Hinauf! Die Erniedrigung ist Voraussetzung für die Erhöhung. Und diese Erhöhung ist allein Gottes Wirken und Zeichen des Heils. Gleich viermal geht es Matthäus um »Verstehen und Erkennen« (V. 11, 13, 19, 23). Für Markus ist den Jüngern das »Geheimnis des Reiches Gottes gegeben« (Mk 4,11), für Matthäus aber ist es ihnen gegeben, die Geheimnisse »zu erkennen« (V. 11). Jener spricht von hören – »aufnehmen« – Frucht bringen (Mk 4,20), dieser von hören – »verstehen« – Frucht bringen (V. 23). Hören bedeutet, empfangsbereit zu sein für das Wort Gottes. Dazu müssen wir anhalten und innehalten. Wir brauchen feste Orte und Zeiten für das bewusste Hören auf Gott. Der Glaube und die Glaubensfreude beginnen mit dem Hören. Es ist ein ganz offenes Hinhören, so offen und empfangsbereit wie der Ackerboden für den Samen. Der zweite Schritt ist das Verstehen. Glaube ist eben nicht nur Gefühl, sondern geistige Auseinandersetzung, innere Aneignung und immer tieferes Verstehen. Das geht nicht allein. Ich muss mich mit anderen zusammen- und auseinandersetzen. Ich frage den anderen, wie er das Wort versteht. Ich lasse mich bereichern durch andere Ansichten. Dies passiert etwa beim Bibelteilen oder im Glaubensgespräch. Ich höre nicht nur zu, nehme nicht nur auf, sondern bringe mich persönlich ein. Das Fruchtbringen schließlich, der dritte Schritt, liegt eigentlich gar nicht mehr in unserer Hand. Wenn Matthäus von der hundertfachen Frucht spricht, dann bedeutet dies, der Symbolik der Zahl entsprechend, dass die Frucht von Gott herkommt. Er hat uns als hörende und verstehende Menschen geschaffen. Geschenk und eigene Anstrengung schließen sich dabei nicht aus. Denn wir sind von Gott dazu bestimmt, uns beschenken zu lassen und uns zu mühen.

Credo



Fürbitten


Gott, du hast uns eine unstillbare Sehnsucht ins Herz gepflanzt und leitest uns, die Erfüllung dieser Sehnsucht in deinem Wort und in dir selbst zu finden. Wir bitten dich:
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
– Für alle, die in vielen Teilen der Welt um der Verkündigung deiner Botschaft willen Verfolgung auf sich nehmen: Gib ihnen Kraft.
– Für alle, die sich mit deinem Wort schwertun und deine Weisung nicht verstehen können: Gib ihnen Einsicht.
– Für alle, die die Beziehung zu dir nicht mehr pflegen und ohne dich leben wollen: Gib ihnen Sehnsucht.
– Für alle, die in wichtigen Lebenssituationen überfordert sind und sich nicht entscheiden können: Gib ihnen Wachheit.
– Für alle, die etwas Kostbares in ihrem Leben verloren haben, ihren Beruf, ihre Würde, einen lieben Menschen: Gib ihnen Würde und Trost.
Gott, du bist treu und du bist da, in Christus, unserem Herrn, gestern, heute und in Ewigkeit. Amen.

Gabengebet


Gott, sieh auf dein Volk, das im Gebet versammelt ist, und nimm unsere Gaben an. Heilige sie, damit alle, die sie empfangen, in deiner Liebe wachsen und dir immer treuer dienen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Präfation

Sonntage VII
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Vater im Himmel, zu danken und deine Gnade zu rühmen. So sehr hast du die Welt geliebt, dass du deinen Sohn als Erlöser gesandt hast. Er ist uns Menschen gleich geworden in allem, außer der Sünde, damit du in uns lieben kannst, was du in deinem eigenen Sohne geliebt hast. Durch den Ungehorsam der Sünde haben wir deinen Bund gebrochen, durch den Gehorsam deines Sohnes hast du ihn erneuert. Darum preisen wir das Werk deiner Liebe und vereinen uns mit den Chören der Engel zum Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit.

Einladung zum Vaterunser


Gott hat uns mit seinem Geist beschenkt, in dem wir ihn »Abba« nennen dürfen. Wir danken unserem Vater in Zeiten der Freude und wir hoffen auf ihn in der Not. Darum beten wir voll Vertrauen: Vater unser im Himmel …

Einladung zum Friedensgebet


So wie wir den Regen nicht machen können und wir darum sagen »es regnet«, so können wir den Frieden nicht aus eigener Anstrengung machen. Deshalb bitten wir: Herr Jesus Christus …

Kommunionvers

Joh 6,56
So spricht der Herr: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.
Oder: Ps 84,4–5
Der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr der Heerscharen, mein Gott und mein König! Selig denen, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben!

Schlussgebet


Herr, unser Gott, wir danken dir für die heilige Gabe. Lass deine Heilsgnade in uns wachsen, sooft wir diese Speise empfangen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlusssegen

Im Jahreskreis III
Der allmächtige Gott gewähre euch Segen und Heil; er offenbare euch die Wege seiner Weisheit.
Er stärke euren Glauben durch sein Wort und schenke euch die Gnade, nach seinen Geboten zu leben, damit in allem sein Wille geschehe.
Er lenke eure Schritte auf den Weg des Friedens; er mache euch beharrlich im Guten und vollende euch in der Liebe.
Das gewähre euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

***

Immer mehr Hingabe

Nicht nur etwas geben, etwa eine Spende,
sondern sich selber geben:
von Herzen, leidenschaftlich, voller Hingabe.

Nicht nur sich irgendwo hinbegeben,
um aus der Distanz zu schauen,
sondern sich ganz hineingeben:
zuhörend, mitfühlend, mittendrin statt nur dabei.

Nicht nur sich geben
und immer einen Rest von sich zurückhalten,
sondern sich ohne Angst, Verkrampfung und Zurückhaltung
voller Vertrauen dahingeben:
nach dem Vorbild und der Einladung Jesu.


Wolfgang Steffel