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Betrachtung zu Gründonnerstag 2022

14. April 2022 / Neuigkeiten

Eine eigentümliche, einzigartige Stimmung liegt über diesem Abend. Es ist ein Abschiedsabend – und doch ist er voller Hoffnung. „Ich lebe und auch ihr werdet leben“, sagt Jesus (Joh 14,19), und wir ahnen, dass dieses „leben“ in einem ganz tiefen Sinne zu verstehen ist, als „Leben in Fülle“ (Joh 10,10). Diesen Weg ins volle Leben zeigt uns Jesus, und besonders zeigt er ihn uns jetzt in dieser Feier, in zwei eindringlichen Zeichen: indem er sich tief bückt und uns die Füße wäscht; und indem er Brot und Wein nimmt und beide verteilt: Nehmt, esst und trinkt, das bin ich für euch. Das heißt, durch mich werdet ihr leben.

Es sind zwei Zeichenhandlungen, die tief eingehen; jedenfalls ist dies die Absicht Jesu, denn er will uns durch das, was er da tut, bis ins tiefste Herz hinein prägen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben“, heißt es (Joh 13,15), und: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19).

Was geschieht da? Jesus „entäußert sich“, so heißt das alte Wort (Phil 2,7: ekénosen); „er hat sich selbst ausgeleert“, hat einer das übersetzt (F. Stier). Er hat von sich nichts für sich zurückbehalten. Er gibt sich ganz an uns Menschen. Das feiern wir in diesen Tagen: Jesu – Gottes Gewaltlosigkeit und Machtlosigkeit. Das ist etwas völlig anderes als das, was wir in diesen Tagen – und nicht nur in diesen Tagen – erleben. Zum Zusammenleben der Menschen scheint Gewaltanwendung zu gehören und der Missbrauch von Macht. Wir sind alle fassungslos über den Krieg in der Ukraine. Aber denken wir nur an uns selbst, an die Gewalt und die Machtgelüste, die Phantasien in unserem eigenen Herzen. Jesus spricht es einmal ganz klar aus: „Aus dem Herzen der Menschen kommen die bösen Gedanken“, die dann zur Tat werden (Mk 7,21-23). So sind wir Menschen, das ist unsere Natur, unsere Anfälligkeit; denken wir nur daran, wie Kain seinen Bruder Abel erschlug, aus Neid und Eifersucht (Gen 4,8). Das steht ganz am Anfang der Bibel und so ist es bis heute geblieben.

Wie kommen wir da heraus? Nicht mit irgendeiner Art von Macht oder Gewalt. Was Jesus zu Petrus sagte, als man ihn auf dem Ölberg gefangen nahm – „Steck dein Schwert in die Scheide!“ (Joh 18,11) –, ist eine unmissverständliche Absage an jede Art von Gewalt. Er sagt das nicht allgemein, dann bliebe es völlig wirkungslos. Er sagte es damals dem Petrus und heute sagt er es uns, dir und mir: „Steck dein Schwert in die Scheide!“ Was heißt das? Nichts anderes als leben wie Jesus, ihm nachfolgen. In den Bildern des heutigen Abends ausgedrückt: dienen, selbstlos dienen, ohne Besorgnis um das eigene Ich. Und sich verschenken, sich „verzehren lassen“ wie Brot und Wein, zulassen, dass Andere von mir leben. Jedes Mal, wenn etwas Schreckliches geschieht – denken wir an die Flutkatastrophe an der Ahr und jetzt an den Krieg –, dann erfasst es die Menschen, dann spüren sie instinktiv, was jetzt sein muss. Nicht nur die religiösen und gläubigen spüren das, nein alle. In Jesus rührt Gott an unser Herz, an jedes Menschenherz. Diese Erfahrung lässt uns mitten im Entsetzen über so viel Leid froh und zuversichtlich sein: Es gibt das Gute – auch in meinem Herzen.

Lassen Sie mich noch einen Gedanken anfügen. Er kommt mir, da ich an das Wort Jesu denke: „Steck dein Schwert in die Scheide!“ Jeder und jede von uns hat sein/ihr „Schwert“. Wir wissen alle, wie das gemeint ist. Was wäre aber zu tun? Patriarch Athenagoras von Konstantinopel, der Freund Papst Pauls VI., beschreibt es so: „Es muss einem gelingen, sich zu entwaffnen.“ Das heißt sich wehrlos zu machen, sich selber loszulassen, wirklich zu vertrauen – letztlich auf Gott, so wie Jesus das getan hat, als er litt und am Kreuz die Arme ausbreitete. Wer sich entwaffnet, der fürchtet sich nicht mehr, denn „die Liebe vertreibt alle Furcht“. Man muss auf den Willen verzichten, um jeden Preis zu siegen, sich zu rechtfertigen, seinen Besitzstand zu wahren, an den eigenen Vorstellungen und Plänen festzuhalten. Wenn wir uns so entwaffnen und „entäußern“ und unser Leben Jesus übergeben, dann wird alles neu, dann werden Einheit und Friede möglich und in uns wächst das Reich Gottes. – Dahin will uns Jesus am heutigen Gründonnerstagabend führen.

Text: Abt Benedikt / Bild: Bruder Lukas


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