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Betrachtung zum Karfreitag

15. April 2022 / Neuigkeiten

„Mich dürstet“ – Jesu Seelenleiden

Alle vier Evangelien berichten über den Durst Jesu am Kreuz bzw. darüber, dass auf das Rufen Jesu „Eli, Eli, lema sabachtani?“hin ein Soldat dem sterbenden Jesus den Essigtrunk reichte (Mt 27,46-48; Mk 15,34-36; Lk 23,36-37). Bei Johannes ist diese Szene allerdings anders gestaltet, nämlich als eines der Worte, die der gekreuzigte Jesus selber spricht:
„Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäß voll Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm voll Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist“ (Joh 19,28-30).
Jesus litt in seinen Todesqualen einen schrecklichen physischen Durst. Rudolf Schnackenburg (Johannes-Kommentar) sieht darin aber auch einen tieferen Hinweis auf das Verlangen Jesu, den Willen des Vaters bis zum Äußersten zu erfüllen. Er verweist auf das Wort Jesu an Petrus bei der Gefangennahme: „Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?“ (Joh 18,11).
Es gibt aber noch eine andere Deutung dieses Rufes Jesu. Sie findet sich in der Jesus-Frömmigkeit. In seinem Buch „Jesus. Geschenkte Liebe“ deutet Jean Vanier die Worte Jesu so: „Der Mann, der im Tempel ausgerufen hatte: ‚Wer Durst hat, komme zu mir und trinke‘, schrie nun selber in seiner Qual: ‚Mich dürstet!‘ Der Mann, der gekommen war, um zu heilen, bedurfte selber der Heilung. Der Mann, der gekommen war, um Liebe zu geben, bedurfte selber verzweifelt der Liebe“ (148).
In der Frömmigkeit von Mutter Teresa und ihrer Schwestern hat der Durst Jesu am Kreuz einen ganz besonderen Stellenwert („Komm, sei mein Licht“, Kap. 8: Das Dürsten des gekreuzigten Jesus, 177-242). Einige Beispiele: „Ich glaube, dass viele unserer Kranken und Leidenden sehr viel schneller zur Heiligung fänden, wenn sie leiden würden, um das Dürsten Jesu zu stillen“ (182). Auf die Kongregation bezogen (Brief an Sr. Jacqueline): „Was hast du für eine wunderschöne Berufung – eine Missionary of Charity zu sein – eine Trägerin der Liebe Gottes. Auf unserem Leib und in unserer Seele tragen wir die Liebe eines unendlich dürstenden Gottes. Und wir, du und ich und alle unsere lieben Schwestern, … werden diesen brennenden Durst stillen – du mit deinem unsagbaren Leiden und wir mit unserer schweren Arbeit“ (184). Und ganz persönlich: „Heiligstes Herz Jesu, ich vertraue auf Dich – ich will Dein Dürsten nach Seelen stillen“ (194).
Lassen wir das einmal so stehen. Es dürfte deutlich geworden sein, dass das Leiden Jesu nicht nur ein äußeres ist – schon schrecklich genug. Ich möchte unseren Blick jetzt auf das lenken, was ich das Leiden seiner Seele, ja seine Seelenqual nenne (Benedikt XVI.: „die Not der menschlichen Seele Jesu“). Es geht also um eine Innenschau. Dieses innere Leiden Jesu durchzieht seine ganze irdische Existenz. Und nicht nur das: In einem alten Adventslied („Gott, heilger Schöpfer aller Stern – Conditor alme siderum“) heißt es von Gott im Himmel: „Denn es ging dir zu Herzen sehr (lateinisch: condolens), / da wir gefangen waren schwer / und sollten gar des Todes sein; / drum nahm er auf sich Schuld und Pein.“
Im Sterben Jesu am Kreuz, im schrecklichen körperlichen Leiden – in seiner Einsamkeit und Gottverlassenheit, verhöhnt und verspottet – gipfelt dieses Seelenleiden auf. Es bricht aus ihm heraus im Verlassenheitsruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und im Ruf „Mich dürstet!“, den wir, wie angedeutet, als Ruf äußerster Liebe – in höchster Leidens-Aktivität liebend und als Schrei, geliebt zu werden – verstehen dürfen.
Bleiben wir bei der Passion. Sie beginnt bei den Synoptikern mit dem Todesbeschluss des Hohen Rates, bei Johanes gehen voran die Fußwaschung und die Abschiedsreden. Schauen wir zunächst auf Johannes. Durch die Fußwaschung kommt Jesu Liebe bis zum Äußersten zum Ausdruck: „Da er die Seinen liebte, … liebte er sie bis zur Vollendung.“ Das bedeutet: bis zum Tod und wie mehr nicht denkbar und möglich ist. In diesem Zusammenhang kommt Jesus auf den Verrat zu sprechen, die Hinweise sind wie eingewoben in das Ganze: „Er wusste nämlich, wer ihn ausliefern würde“ (13,11); dann mit dem Schriftzitat: „Der mein Brot isst, hat gegen mich seine Ferse erhoben“ (13,18); und schließlich ausführlich (13,21-30), eingeleitet mit der Bemerkung „Jesus wurde im Geiste erschüttert“: „Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.“ Auf die Frage des Lieblingsjüngers hin: „Herr, wer ist es?“, sagt Jesus: „Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.“ Zwar weist die Erschütterung „im Geiste“ noch auf eine höhere Ebene als die der Gefühle hin (vgl. 11,33 am Grab des Lazarus: „er war im Innersten [im Geist] erregt und erschüttert“, und 12,27, johann. Ölbergstunde: „Jetzt ist meine Seele psyché erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde?“) – die Gewalt des Todes und die Macht der Finsternis –, doch ist hier auch ganz natürlich von einem tiefen menschlichen Erleiden auszugehen. Ähnlich 16,32: „Siehe, die Stunde kommt und sie ist schon da, in der ihr versprengt sein werdet, jeder in sein Haus, und mich alleinlassen werdet“, nicht ohne den tiefen Trost des „Ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir“.
Wenden wir uns dem Letzten Abendmahl zu, wie es die Synoptiker schildern. Voraus geht die Ankündigung des Judasverrates durch Jesus. Im Gegensatz zu Johannes sagt Jesus den Verrat äußerlich gefasst voraus; betroffen und traurig sind die Jünger (Mt, Mk). Desgleichen sagt Jesus die Verleugnung durch Petrus voraus.
Nach Lk findet der Rangstreit der Jünger – „wer von ihnen wohl der Größte sei“ (22,24) – tragischer Weise im Abendmahlssaal statt. Jesus muss sie dabei erneut belehren über etwas, das sie im Zusammensein mit ihm schon längst begriffen haben müssten: „Bei euch soll es nicht so sein“, und er verweist auf sich: „Ich bin unter euch wie der, der bedient“ (22,26-27). R. Guardini fasst zusammen: „Wie ist Jesus unter ihnen? Als der Wissende einfachhin. Die Jünger machen einen seltsam ratlosen, man möchte fast sagen unmündigen Eindruck. Sie stehen in keiner Weise neben ihm. Nirgendwo zeigen ihre Worte das echte Einvernehmen lebendiger Sorge. Was ihr Meister denkt, warum er die Dinge so führt – überhaupt ihn selbst und sein Wesen verstehen sie nicht. So werden sie denn auch durch den Gang der Ereignisse ganz verstört. Jesus allein weiß; und in diesem seinem Wissen ist er ganz einsam. Er wünschte sehr, sie verstünden ihn – wie dringt das Verlangen nach auch nur ein wenig Verstehen in dem Worte auf Gethsemane durch: ‚Konntet ihr den nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ – aber es geschieht nicht“ („Der Herr“).
In Getsemani selbst erkennen wir „die innere Ferne der Jünger von Jesus und sein völliges Alleinsein“ (H. Schlier, „Die Markuspassion“, 37). „Was der zum Tode eilende Jesus vor sich sieht, ist nicht nur der Abfall seiner Jünger, sondern auch ihre Zerstreuung [„Ihr werdet alle an mir Anstoß nehmen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe zerstreuen. Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen“, Mk 14,27-28] …, der Zerfall des von ihm anfänglich schon gesammelten Volkes Gottes. Und somit ist das, was er vor sich sieht, nicht nur seine gänzliche Verlassenheit, sondern auch der Zusammenbruch seines Werkes“ (ebd., 38). Freilich, und das darf nie vergessen werden, über Zerstreuung und Zusammenbruch steht Gottes Verheißung, wie das Auferstehungswort zeigt. Doch das nimmt der Situation nichts von ihrem furchtbaren Ernst. Die Jünger verstehen nichts, wie die Reaktion des Petrus und aller anderen zeigt: „Auch wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich nicht!“ (Mk 14,29).
In Getsemani erleidet Jesus schreckliche Todesangst, nach Lukas so, dass „sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte“ (2244). Jesu äußerste Angst besteht im Verlassen-Werden durch Gott. Der Leidenskelch ist „der Kelch, den ihm der Vater selbst bereitet“ (Schlier, 44). Die Gottesanrede Abba – liebster Vater, nur bei Markus, steigert die Verlassenheit Jesu noch. Markus lässt es offen, ob Jesus die Nähe des Vaters erfährt, was „die Härte dieser Stunde“ (Schlier, 45) noch steigert. Nur Lukas weiß zu sagen, dass „ihm ein Engel vom Himmel erschien und ihn stärkte“ (22,43), eine wunderbare Bemerkung, die wir nicht überhören dürfen. Jesus betet, aber „die Jünger haben das Beten vergessen. Sie überlassen es ihm jetzt schon, den Tod, den er doch auch für sie, für ihre Sünden, sterben wird, allein zu bestehen“ (Schlier, ebd.).
Der russisch-orthodoxe Moskauer Priester Alexander Men, 1990 ermordet, schreibt in seinem gehaltvollen Jesusbuch „Der Menschensohn“: „Was empfand der Menschensohn, als Er auf der kalten Erde lag und Seelenqualen litt? War das nur die natürliche Angst vor den Folterungen und dem Tod? … Es ist uns nicht beschieden, in die Abgründe des Todeskampfes zu schauen, dessen Zeuge der alte Olivenhain wurde. Doch diejenigen, denen sich Christus in Liebe und im Glauben offenbarte, wissen das Wichtigste: Er litt für uns. Er sog den Schmerz und den Fluch der Jahrhunderte, das Dunkel der menschlichen Sünde in Sich auf. Er erlebte die Schrecken und die Hölle der Gottverlassenheit. Hoffnungslose Nacht umschloss Ihn. Christus stieg freiwillig in den Abgrund hinab, um uns von dort zum ewigen Licht herauszuführen“ (246).
Die Schergen kommen, von Judas, einem seiner Freunde, angeführt: „Sei gegrüßt, Rabbi! Und er küsste ihn. Jesus erwiderte ihm: Freund, dazu bist du gekommen?“ (Mt 26,49). Der Bericht über die Gefangennahme Jesu endet mit dem kurzen, aber dramatischen Satz: „Da verließen ihn alle und flohen“ (14,50). „Jesus ist allein und geht allein seinem Kreuz zu“ (Schlier, 50).
Es folgen der Prozess Jesu und die schrecklichen Begleitumstände: die Verleugnung durch Petrus, das Verhör vor dem Hohen Rat, die Übergabe an Pilatus, die Geißelung, Verspottung und Dornenkrönung, die schreiende Menge, die, aufgehetzt von den Hohenpriestern und Ältesten, von Pilatus seinen Tod fordert und ihm den Straßenräuber Barabbas vorzieht: „Ans Kreuz mit ihm!“ (denken wir an die Improperien des Karfreitags: „Mein Volk, was habe ich dir getan?“) – Jesus in völliger Einsamkeit.
Und doch – es gibt Trost: Vom tröstenden Engel im Garten Getsemani war schon die Rede. Matthäus, Markus und Johannes berichten von der Salbung Jesu in Betanien, und er selbst würdigt sie als Liebestat: „Auf der ganzen Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man auch erzählen, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis“ (Mt 26,13; Mk 14,3ff; Joh 12,1-8). Auch die unfreiwillige Tat des Simon von Kyrene, der gezwungenermaßen Jesus das Kreuz tragen hilft (Mk 15,21), ist letztlich eine Liebestat. H. Schlier geht davon aus, dass die Überlieferung seines und seiner Söhne Namen (Mk 15,21) auf ihr späteres Christwerden hinweisen könne (73); das wäre dann der Dank Jesu für diesen Liebesdienst. Lukas berichtet von den Frauen, die nach Golgota mitgingen und um Jesus weinten (23,27). Nach Johannes standen beim Kreuz „seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala“, außerdem der Lieblingsjünger (19,25-27) – Liebe, Mitleid, Treue zu Jesus in den letzten Stunden seines irdischen Lebens.
Trost erfährt Jesus dann sogar in der schrecklichen Qual des Kreuzes, als plötzlich einer der beiden Mitverurteilten sich zu ihm bekennt: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ (Lk 23,42). Aber das Kreuz ist für ihn schwärzeste Nacht. „Die unglaubliche Schwere, die sich seit der Nacht in Getsemani auf Ihn gesenkt hatte, erreichte ihr Höchstmaß. Schon lange erwartete der Messias diese letzte Begegnung mit dem Bösen der Welt; jetzt umhüllte sie ihn wie ein schwarzer Schleier. Er stieg wahrhaftig in eine Hölle hinab, die von Menschenhand gemacht war“ (A. Men, 268f).
Schauen wir nun von der Passion aus rückwärts. Da sind die drei Leidensankündigungen wie Markus (Kapp. 8-10) sie schildert; sie offenbaren ein völliges Unverständnis der Jünger, Jesu engster Vertrauter, bezüglich seiner messianischen Sendung; sie haben ihn da bis zuletzt nicht verstehen können. Zunächst Mk 8,27-33: Bei Cäsarea Philippi legt Petrus das Bekenntnis ab: „Du bist der Christus!“ Als Jesus daraufhin zum ersten Mal ausdrücklich von seinem Leiden und seiner Auferstehung spricht (didáskein – belehren), will Petrus ihn „zurechtweisen“, das heißt ihn davon abbringen, wie von unvernünftigen Gedanken. Bei der zweiten Belehrung (9,30-32) wird festgestellt: „Sie verstanden das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen.“ Gleich darauf (33-37) setzt der Rangstreit der Jünger ein, „wer der Größte sei“. Beim dritten Mal (10,32-34) kommen auf Jesu Ankündigung, „was ihm bevorstand“, Jakobus und Johannes zu ihm und bitten: „Lass in deiner Herrlichkeit einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen!“ (10,37).
Nehme wir noch Joh 6, Brotvermehrung und die große theologische Brotrede im Horizont des Paschafestes, womit die Lebenshingabe Jesu, das Paschamysterium, angedeutet ist. Jesus macht die vielen Menschen, die zu ihm kommen, satt. Daraufhin wollen sie ihn zum König machen. „Doch er zog sich wieder auf den Berg zurück, er allein (autòs mónos).“ Er ist allein auch in einem tieferen Sinn: ohne Verständnis. Die sich anschließende Rede verläuft auf zwei Ebenen, der rein irdischen und der überirdischen – Brot für dieses Leben (bíos) und Brot für das ewige Leben (zoé). Jesus geht es um ein höheres Hungern und Dürsten – nach seinem Fleisch und Blut und nach dem Glauben an ihn. Die Auseinandersetzung spitzt sich zu bis zum „Anstoß-Ärgernis“ (skandalízein). Schließlich wird der Hinweis auf Judas gegeben, der ihn „ausliefern“ werde. Eine Redekomposition, in der es um das Christusgeheimnis geht – und um ein tiefes Nicht-Verstehen.
Ein weiterer Aspekt des Leidens Jesu erschließt sich uns über sein Mit-leiden. Die Evangelien erzählen davon, wie Jesus heilte: „Am Abend brachte man viele Besessene zu ihm. Er trieb mit seinem Wort die Geister aus und heilte alle Kranken, damit sich erfüllen sollte, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen“ (Mt 8,16-17). Die Evangelisten verwenden öfter das Wort splagchnízesthai , um dieses Mitleid auszudrücken. Ta splágchna sind die Eingeweide (latein. viscera). Gemeint ist ein Erbarmen, das aus dem tiefsten Inneren aufsteigt (vgl. „per viscera misericordiae Dei nostri“, Lk 1,78). Fridolin Stier übersetzt: „Es ward ihm weh ums Herz“ (Mk 1,41: Heilung eines Aussätzigen). Auch bei der Erweckung des Jünglings von Nain (Lk 7,11-17: „Als der Herr sie (die Mutter) sah, war ihm weh um sie.“ Jesus lässt die Leiden der Menschen ganz an sich heran, sie berühren ihn tief, sie treffen ihn, er leidet wirklich mit.
Abschließend noch zwei Stellen ganz am Anfang des Wirkens Jesu. Es ist noch während des sog. Galiläischen Frühlings, als die Menschen in Scharen zu Jesus kamen, voller Erwartung und Begeisterung, da formiert sich bereits der Widerstand der Schriftgelehrten und Pharisäer gegen ihn (bei Markus ab Kap. 2: Heilung eines Gelähmten, dem Jesus seine Sünden vergibt). Nach einer Heilung am Sabbat (3,1-6) „gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen.“ Es ist eine harte Konfrontation: „Und sie lauerten ihm auf, ob er am Sabbat ihn heil machen werde – um ihn dann verklagen zu können. Und er sagte zum Menschen mit der verdorrten Hand: Auf, in die Mitte! Und zu ihnen sagte er: Ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun oder Übles zu tun, Leben zu retten oder zu töten? Sie aber schwiegen. Da blickte er voll Zorn sie rundherum an, voll Trauer ob der Starre ihres Herzens …“ (Übers. F. Stier). Jesus erfährt sich machtlos gegen diese Art hasserfüllter Ablehnung. Ähnlich ist es Lk 4,16-30 bei der Predigt in der Synagoge seiner Heimat Nazaret. Seine Landsleute geraten in Wut und bringen ihn vor die Stadt, um ihn den Bergabhang hinabzustürzen. Hier fängt die Weissagung Simeons an sich zu erfüllen: „Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird“ (Lk 2,34). Jesus sieht am Horizont das Zeichen des Kreuzes.
Dies ist nur ein Kurzdurchgang durch die vier Evangelien. Aber vielleicht war es uns dabei gestattet, einen Blick in Jesu Inneres zu werfen? Vielleicht fassen die Worte des Evangelisten Lukas, die er über die Tränen schrieb, die Jesus über Jerusalem vergoss, alles ganz gut zusammen: „Als er näherkam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden (Heil) bringt“ (19,41-42). Das ist wie ein Aufschrei aus seiner Seele. Jerusalem hat sein Heil, seinen Heiland nicht erkannt.

Das alles betrifft uns. Wenn wir wirklich glauben, können wir nicht gleichgültig sein.
Ich komme auf das Motiv des Dürstens als Ausdruck der Liebe zurück. Nach Joh 7,37 sagt Jesus: „Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt!“ Unser Dürsten ist notwendig die Antwort auf Jesu Dürsten; denn seine Liebe, am Kreuz vollendet (vgl. Joh 13,1), löst unsere Liebe aus. „Meine Seele (nefesch) dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“, heißt es in Psalm 42. Da geht es um Tiefgang, denn „Seele“ meint den inneren Menschen. Am Kreuz ist Jesus einerseits von Menschen umgeben, denen er völlig gleichgültig ist. Nach Johannes verrichten die römischen Soldaten routinemäßig, man kann sagen seelenlos, ihren blutigen Auftrag: Sie bringen Jesus nach Golgota, kreuzigen ihn dort, verlosen seine Kleider und warten darauf, dass er stirbt. Es ist auch noch von „vielen Juden“ (19,20) die Rede, die gleicherweise nichts mit Jesus zu tun haben. Ihnen gegenübergestellt ist die kleine Gruppe, bestehend aus Jesu Mutter, einigen Frauen und dem Lieblingsjünger (19,25-27). Man spürt die innige Beziehung zum gekreuzigten Jesus. Sie verlassen ihn nicht; sie hallten bei ihm aus. Sie bilden die Urzelle der Kirche; denn sie sind Christi „Freunde“, wie er in der Bildrede vom Weinstock und seinen Reben sagt (Joh 15,1-17): „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Sie trösten den nach Liebe dürstenden Herrn. Das ist eine Wesensaufgabe der Kirche; ihr „Trost“ besteht darin, bei Jesus zu sein – in Liebe ganz tief ihm verbunden – und Menschen zu Jesus zu führen: am Rebstock bleibend „Frucht zu bringen“ (15,16).
Das andere große Thema bei Johannes ist der Glaube. „Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt.“ Jesus dürstet nach unserem Glauben – als Form unserer Liebe. Eph 3,17 kann uns da helfen: „Durch den Glauben wohne in euren Herzen Christus, damit ihr eingewurzelt und gegründet seid in der Liebe.“ Es geht darum, Christus in Glaube und Liebe anzunehmen und im Herzen mit ihm die Freundschaft zu pflegen.
Ein Letztes: Beim heiligen Paulus spielt das Leiden mit Christus eine wichtige Rolle. Er spricht von Leiden und Trost in der Gemeinschaft mit Christus (vgl. 2 Kor 1,5). Wir gehören zu Christus, „wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden“ (Röm 8,17) – sympáschomen und syndoxasthómen sind die Worte. Der Begriff compassio ist uns vertraut aus der Märtyrerspiritualität. Beim heiligen Benedikt ist das noch ganz lebendig: „An den Leiden Christi Anteil haben (participemur), um auch mit ihm sein Reich zu erben“ (RBProl 50). Christus zieht uns vom Kreuz her an sich (Joh 12,32). Wir sind berufen zu tiefer Christusgemeinschaft. Sie besteht darin, fortzusetzen, was er getan hat …

Text: Abt Benedikt / Bild: Bruder Lukas


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