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Meditation von Abt em. Benedikt

8. Dezember 2020 / Neuigkeiten

Fest der Unbefleckten Empfängis Marias

Der Engel nannte Maria „du Begnadete“. Im ältesten Mariengebet, dem „Gegrüßet seist du, Maria“, das in seinem ersten Teil aus den Worten des Verkündigungsgeschehens zusammen gewoben ist, beten wir: „Du bist voll der Gnade.“ Von keinem Menschen sonst wird das gesagt, nur von Maria. Das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis bezieht sich darauf: Schon immer war Maria von Gott geliebt, „er hat geschaut auf seine niedrige Magd“ (Magnificat)und sie seit jeher in seiner Liebe darauf vorbereitet, die Mutter seines Sohnes Jesus Christus, die Gottesgebärerin zu werden.
Was ist Gnade? Im kirchlichen Stundengebet dieses Festes finden sich die dem Hohenlied der Bibel nachempfundenen Worte: „Tota pulchra es, Maria. – Ganz schön bist du, Maria“. Genau das ist die Erklärung von Gnade. Dem deutschen Wort „Gnade“ liegt das lateinische „gratia“ zugrunde, das zuerst „Anmut“, „Liebenswürdigkeit“, „Ansehen“ bedeutet; dann auch „Gunsterweis“; schließlich hat es noch die Bedeutung von „Freude“ und „Lust“. Unter den Marien-Darstellungen der Kunst gibt es den Typ der Schönen Madonna. Das sind Bilder, die Maria als auserlesen schöne Frau zeigen, aber anders als manche Madonnen der Renaissancekunst, bei denen doch vielleicht zu sehr die irdische Schönheit im Spiel ist. Die Schöne Madonna dagegen hat himmlische Schönheit, weil auf ihrem Antlitz die Gnade Gottes liegt.

Entsprechend besingt die kirchliche Poesie Maria als „die Schönste von allen“, so in einem alten Lied aus Lothringen, das aus verschiedenen biblischen Aussagen komponiert ist, aus den Büchern Genesis und Judith, dem Lukasevangelium und der Offenbarung des Johannes: „Die Schönste von allen, von fürstlichem Stand, kann Schönres nicht malen ein himmlische Hand: Maria mit Namen; an ihrer Gestalt all Schönheit beisammen, Gott selbst wohlgefallt.“ Oder: „Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige himmlische Frau.“
Marias Schönheit kommt von Gott. Sie ist schön, weil Gott sie begnadet und ihr höchste Gunst erwiesen hat, weil er sie liebt. Das alles steckt in dem kleinen Satz: „Der Herr mit dir.“ In ihrem Schoß empfing sie und trug sie als ihr Kind den Gottessohn; das hat sie schön gemacht. Mit vollem Recht haben also die Künstler der Jahrhunderte alles daran gesetzt, Maria schön darzustellen. Denn es kann gar nicht anders sein, als dass die Gnade von innen nach außen durchscheint. Die Gnade, nicht seine irdischen Vorzüge, macht den Menschen erst wirklich schön. Sie macht ihn Gott wohlgefällig und den Mitmenschen angenehm.

Was bedeutet das für uns? Ist Maria, wenn man sie so betrachtet, nicht ganz weit von uns entfernt, entrückt als Himmelskönigin? Nein, sie ist und bleibt eine von uns, ein Mensch wie wir. „Maria, ich nenne dich Schwester“, heißt es in einem Mariengebet unserer Tage (Gotteslob 10,2). Maria will nicht entrückt sein, sie ist immer für uns da. In unzähligen Kirchen auf der ganzen Welt steht ihr Bild und wird von vielen Menschen verehrt. Ja sicher, wir schauen zu ihr auf. Sie ist die „Unbefleckte“, so nennt sie unsere katholische Tradition, die „Ganz Heilige“, so wird sie in den Kirchen des Ostens verehrt. Aber sie reicht uns ihre Hand. Vor allem zeigt sie auf ihren Sohn: „Was er euch sagt, das tut!“ (Johannesevangelium). Maria ist ganz schön. Aber weil sie eine von uns ist, steht fest, dass auch wir schön sind, nicht nur schlecht, egoistisch und Sünder, sondern auch gut, hingabefähig, offen für Gott – durch seine Gnade.


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