"Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken..."
23. September 2026 / Predigten

Predigt von Abt Mauritius zum 25. Sonntag im Jahreskreis
“Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.”
Dieses Wort aus dem Propheten Jesaja ist so kostbar und heilsam! Die scholastische Theologie des Mittelalters hat unter anderem daraus einen wichtigen Gedanken entwickelt: Gott ist totaliter aliter, das bedeutet: Gott ist nicht nur anders als wir Menschen und alle Geschöpfe, er ist total anders.
Gott ist gut – aber noch viel besser als wir Menschen uns das je vorstellen können, und er ist ganz anders gut.
Gott ist gerecht – aber noch viel gerechter, als wir Menschen uns das vorstellen können, und er ist ganz anders gerecht – das sehen wir aus dem Gleichnis des heutigen Evangeliums und der Art und Weise, wie Gott mit dem Lohn für die Arbeiter im Weinberg umgeht.
Kostbar und heilsam ist dieser Gedanke für viele Situationen auch heute, von denen ich nur einige wenige erwähnen möchte:
- Für Menschen, die genau wissen, was gut denkt oder wie Gott Dinge sieht. Und das mit vollstem Selbstbewusstsein… Die heutige Lesung sagt stattdessen: „Wer weiß…? Vielleicht ist Gott noch einmal ganz anders. Deine Gedanken, lieber Mensch, sind nicht identisch mit Gottes Gedanken.“ Jesaja sagt nicht, dass die Gedanken des Menschen völlig falsch wären, aber dass man zumindest offen lassen muss, dass Gott auch anders denkt.
- Da sind also die, die glauben, Gott in der Tasche zu haben. „Mit Gott auf unserer Seite, Jesus in einem Boot“, singt Herbert Grönemeyer einmal. Das sind aber auch die, die sagen: „Es gibt Gott nicht.“ Oder: „Man kann über Gott gar nichts aussagen, weil man über ihn nichts wissen kann.“ Das sind die Agnostiker. Doch Vorsicht: Auch das sind unsere Gedanken. Vielleicht lässt sich Gott viel leichter erkennen, als wir denken. So sagt auch Jesaja am Anfang desselben Textes: „Sucht den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ Vielleicht sehen wir Gott nicht, weil wir ihn mit unseren Augen zu sehen suchen. Seine Wege sind aber hoch erhaben über meinen Wegen. Er kann einen Weg zu uns finden, selbst wenn wir ihn nicht finden können oder wollen.
- Jesaja ist auch eine heilsame Korrektur für alle Ideologien: seien sie nun kommunistisch, kapitalistisch, ökologisch, feministisch oder rechts-extrem. Ideologien entwerfen ein Weltbild und glauben, das Ihre sei das einzig gültige. Und dann drücken sie es den anderen Menschen meistens auf; das müssen sie ja. Jesaja erinnert uns daran, dass jedes Weltbild auch immer nur unseren Gedanken entsteht, und dass Gottes Gedanken noch einmal ganz anders sein können. Die christliche Religion ist so gesund und menschlich, indem sie sich selbst relativiert, indem sie sagt: Wir glauben an Gott, aber wir können nicht im Letzten wissen, wie er ist. Wenn es Gott gibt, dann muss er souverän sein und frei, und erhaben über unseren menschlichen Erwartungen und Gedanken, Ängsten und Sorgen.
- Zum Stichwort Künstliche Intelligenz will ich in diesem Zusammenhang nur ganz knapp sagen: Manche sehen darin wirklich Gott; es ist tatsächlich überwältigend, was sie alles kann. Die KI scheint Gott wirklich nahe zu kommen. Aber: Es bleiben Gedanken von Menschen, die da verarbeitet werden, und Gottes Gedanken sind viel erhabener.
- Und ein letztes Beispiel, zu dem uns die heutige zweite Lesung des Heiligen Paulus aus dem Brief an Philipper inspiriert. Da sagt der Apostel: „Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. (…) Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!“ Das hört sich ein bisschen suizidal an. Man würde es Paulus nicht verübeln nach allem, was er hat durchmachen müssen. Aber hat Paulus hier wirklich Sehnsucht nach dem Tod? Nein: er hat Sehnsucht nach Christus. Er sagt: „Ich erwarte und hoffe, dass Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe.“ Das ist ein ganz aktuelles Thema und wird in den nächsten Jahren immer aktueller werden. Menschen werden alt, sehr alt, und fragen sich: Was soll ich noch hier auf dieser Erde? Die Versuchung liegt nahe, sich dabei den Tod zu wünschen. Aber handelt es sich dabei um meine Gedanken oder um Gottes Gedanken? Das Leben ist ein Geschenk, und so wie wir es uns nicht ausgesucht haben, als wir in dieses Leben hineingeboren wurden, so können wir es uns auch nicht aussuchen am Ende. Ich weiß, das ist ein komplexes Thema, und jeder Einzelfall muss sorgfältig betrachtet werden, aber die Kirche ist hier klar: Es ist nicht recht, sich das Leben zu nehmen oder jemanden darum zu bitten, es mir zu nehmen oder mir zu helfen, es mir zu nehmen. Warum? Wer weiß, wozu ich noch da bin? Gott weiß es. Auch wenn ich es selbst vielleicht nicht mehr weiß, in diesem Moment. Wenn wir daran glauben, dass Gottes Gedanken sich von unseren durchaus unterscheiden können, dann könnte es einen Sinn haben, dass Gott einen Menschen noch nicht zu sich gerufen hat. Gott wird das zu Seiner Zeit tun. In der elften Stunde, der erste, der dritten… Der Lohn von jedem von uns wird das Ewigen Leben sein, egal wie lang seine Zeit auf Erden war. Aber bis dahin, können wir mit dem heiligen Paulus gehen, der sagt: „Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken.“ Wenn wir in einer solchen Situation sind oder Angehörige und Freunde in dieser Situation vorfinden, können wir uns also fragen: „Wodurch kann ich noch fruchtbar sein?“ Selbst wenn ich nicht mehr viel „tun“ kann: Ich könnte beten – und das Gebet hat eine grosse Wirkung. Selbst wenn ich nicht mehr beten könnte: Der Sinn meines Lebens könnte im reinen „Dasein“ bestehen. Wer weiß, für wen ich in diesem Moment noch wichtig bin? Die schiere Tatsache, dass ich da bin, dass ich lebe, bedeutet: Gott will mich, auf jeden Fall. Abgesehen davon, dass man das Leiden am Ende heute pharmakologisch doch wesentlich begrenzen kann, kann selbst mein Leiden am Ende einen Sinn haben. Mit Gottes Hilfe könnte ich mein Leiden aufopfern für jemanden anderen. So wie es Jesus getan hat.
Liebe Schwestern und Brüder, „so spricht der Herr: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ Gott-sei Dank ist es so! Lasst uns diese Ehrfurcht leben und uns gegenseitig darin bestärken.
Amen.
Abt Mauritius Wilde OSB