Abt Mauritius Wilde zum Gründonnerstag
3. April 2026 / Predigten
Predigt von Abt Mauritius zum Gründonnerstag 2026
Liebe Schwestern und Brüder,
Wenn wir uns in die Situation des Abendmahls hineinversetzen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Idylle des trauten Zusammenseins von allen Seiten bedroht war: Judas hatte schon den Verrat begonnen, der Hass der Pharisäer war allgegenwärtig, die schwankende Indifferenz des Pilatus bekannt, und Jesus selbst wusste, dass er schwer leiden müsste und getötet würde. Wie viele Menschen sind heute in so einer bedrohten Situation: Ich denke an Menschen in Israel, die täglich mehrfach in den Bunker müssen, an die in Gaza und im Westjordanland und im Iran, die kaum Möglichkeiten haben, sich zu schützen, um nur ganz wenige zu nennen. Ihnen allen wünschen wir Christen heute Abend solche Momente wie den des Abendmahlssaales, diesen Frieden, diese Vertrautheit, diese Liebe. Inmitten der Bedrohung möge ihnen eine Erfahrung der unbegrenzten Liebe Gottes zuteil werden. Oder wie Psalm 23 singt: „Du deckst mir den Tisch im Angesicht meiner Bedränger.“
Jesus nimmt sein Gewand ab. Es ist der erste Schritt seiner Entäußerung, die am Karfreitag ihre Vollendung finden wird. Und er wäscht seinen Jüngern die Füße. Damit fasst er zusammen, was er sein Leben lang gepredigt und getan an: Auf das DU kommt es an, nicht auf das ICH. „Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.“ Und obwohl er, der Sohn Gottes, der Meister, nun wirklich beanspruchen könnte, „Ich“ zu sagen, „richtet Euch nach mir, schaut auf mich“ – tut er das Gegenteil: er kniet sich nieder und sagt: „DU, auf Dich kommt es an, Dir will ich dienen, auf Dich schaue ich“. „Du, Thomas“, „Du, Andreas“, „Du Peter“. Was für eine Botschaft, in einer Zeit, in der uns auf allen Kanälen entgegenschallt „Ich!“ „Ich sehe das so, ich fühle das so – und dann ist es auch so…“; „ich will dies, ich will das“. Diese Botschaft Jesu heute in einer Zeit, in der ausgerechnet die größten Narzissten die größte Macht haben auf dieser Erde, Menschen denen es letztlich immer nur um sich selbst geht, und die, damit es nur weiterhin um sie selbst gehen kann, andere manipulieren und ganze Gemeinschaften und Gesellschaften spalten. Kein Wunder, dass die Welt auseinanderbricht.
Wenn jeder nur an sich denkt, ist eben nicht an alle gedacht. Zur Gabenbereitung singen wir: „Ubi caritas et amor, Deus ibi est – Wo die Güte und die Liebe, da ist Gott“. Gott, der in sich selbst bereits ein DU ist: „Du bist mein geliebter Sohn“, sagt der Vater. Gott, der als Gegenüber die Welt erschafft: „Und er sah alles an, was er gemacht hatte, und es war sehr gut.“ Gott, der aus Liebe seinen Sohn sendet, dem das DU wichtiger ist als sein ICH, dem die Menschen in ihrer Knechtschaft von Sünde und Tod wichtiger sind und der sich darum für sie sogar selbst hingibt, sich entäußert, sich opfert.
Das feiern wir heute Abend in der Eucharistie. Im Zentrum steht: „Das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ Er hat ihn damals hingegeben, und er gibt ihn nach wie vor hin, in jeder Eucharistiefeier für uns. Und er fügt hinzu: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“. Daran sollten wir Christinnen und Christen uns ein Beispiel nehmen, an der dieser Hingabe sollte man uns erkennen. Daran sollten wir auch jeden Priester erkennen. Heute ist Priesterdonnerstag. Der Hohepriester Jesus macht uns kleinen Priestern vor, was es heißt, Priester zu sein: sich hingeben, mehr Du als Ich sagen.
Die Hingabe Christi ist tatsächlich die Rettung der Menschheit und der ganzen Welt geworden, und sie ist es noch heute. So wie die alten Israeliten ihre Türpfosten mit dem Blut des Lammes bestrichen und so verschont wurden von dem Unheil, das über Ägypten kam, so ist dieses Lebensmodell, das Christus uns vorlebte und am Gründonnerstag eingesetzt hat, die Rettung der Welt. Nicht Aktivisten retten die Welt, nicht Kapitalisten, und schon gar nicht die Egoisten: Es ist das Blut Jesu, das er ein für alle Mal vergossen hat, um damit eine Bewegung in Gang zu setzen, die bis heute anhält, die Bewegung der Bruderliebe, der Schwesterliebe, die Bewegung der Hingabe aneinander, die Priorisierung des DU über dem ICH. Sonst zerfleischt sich der Mensch gegenseitig wie ein Tier, sonst ruiniert er die Welt und am Ende sich selbst.
Natürlich ist auch die Selbstliebe wichtig. Wenn ich mich nicht selbst liebe und achte, kann ich die anderen nicht lieben. Auch Jesus ist sich seiner gewahr, hat Gefühle und einen Willen. Heute Abend am Ölberg, da hatte er Angst. Er wollte den Kelch zunächst nicht trinken. Aber er ahnt, er spürt im Gebet, dass seiner Sendung, seiner Berufung gerade dadurch gerecht wird, dass er sich dem Willen des Vaters hingibt. Es sind Tod und Auferstehung, die ihn verherrlichen werden. So ist es auch mit uns. Kenne ich mich denn wirklich, durch und durch? Bleibe ich mir nicht selbst oft ein Geheimnis? Besitze ich mich eigentlich wirklich? Am Grund unserer Seele, das ist auch ein Du. Da wohnt Gott. Es ist ein Paradox, dass wir uns gerade dann besonders finden können, wenn wir uns verlieren.
Liebe Schwestern und Brüder, Jesus will auch uns die Füße waschen. Er kniet vor uns nieder – ER! – und wäscht uns die Füße. Er will, dass es uns gut geht. Er will, dass wir glücklich werden. Er tut alles dafür. Er will uns heilen. Er liebt diese Welt, diese Menschheit, er liebt unsere menschlichen Gemeinschaften und Gesellschaften. In seiner Liebe stiftet er am Gründonnerstag Gemeinschaft. Er spaltet nicht, er führt zusammen. Und dabei entschlüsselt er uns das Geheimnis für die Rettung der Welt und der Menschheit: Liebt einander, so wie ich Euch geliebt habe. Dann bleibt dieser Friede, die Intimität des Abendmahlsaales, keine romantische, aber isolierte Idylle, sondern dieser Frieden breitet sich aus, zunächst in der Kirche, wenigstens dort, und dann darüber hinaus.
Möge Gott geben, dass wir in diese seine Liebe immer mehr hineinwachsen. Amen.
Abt Mauritius Wilde OSB