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Theopoesie aus benediktinischem Geist

5. April 2021 / Neuigkeiten

Ein Nachruf auf Drutmar Cremer OSB

Mit Respekt erinnert Georg Langenhorst an den im März verstorbenen Drutmar Cremer. Dessen Werk wird vor allem im Bereich der Theopoesie in Erinnerung bleiben. In seinen Versen versuchte der Maria Laacher Benediktiner die Verschmelzung von Meditation, Gebet und Gedicht. Im Wissen um die Grenzen der Sprache wagte er Affirmation und Bekenntnis: die Bestätigung von Glauben in Form von Poesie.


Nicht viele Dichterinnen und Dichter unserer Zeit wagen sich an das Projekt einer ‚Theopoesie‘: einer Verbindung von Gebet und Gedicht, von Glaube und Literatur. Zu nahe liegt der Verdacht, Kitsch zu produzieren: die Wiederholung von bekannten Aussagen in bekannter Form. Und doch lassen sie sich finden, die frommen Sprachsucher: auf evangelischer Seite Dorothee Sölle (1929-2003), Kurt Marti (1921-2017), Eva Zeller (*1923) oder Christian Lehnert (*1968), auf katholischer Seite Silja Walter (1919-2011), Andreas Knapp1 (*1958) und jener Autor, von dem im Folgenden die Rede sein soll: Drutmar Cremer.


Der Benediktiner hat ein breit ausgefächertes Werk hinterlassen: darunter Kirchenführer, kunstgeschichtliche Betrachtungen, Predigten, witzig-satirische Schmunzelgeschichten, Anekdoten, heitere Legenden oder nachdenkliche Erzählungen. Vieles davon wirkt wie Gelegenheitsschrifttum, nett, harmlos, mit überschaubarer Wirkung. Aber ein Bereich ragt heraus, in dem man Drutmar Cremers Spuren zurecht erinnern wird: seine Beiträge zur Theopoesie.


Gedichte als Bildmeditationen


Der im Januar 1930 in Koblenz gebürtige Rheinländer absolvierte seine Gymnasialjahre in Andernach sowie im Jesuitenkolleg Bonn-Bad Godesberg. Direkt nach dem Abitur trat er 1952 in die Benediktinerabtei Maria Laach ein. Dort wurde er nach ordensinternem Philosophie- und Theologiestudium 1958 zum Priester geweiht. Von 1960-67 wirkte er als Jugendseelsorger, von 1969-1971 als Subprior, schließlich von als 1991-2002 als Prior der international angesehenen Abtei. Von 1971 profilierte er als geistlicher Leiter die ‚Ars liturgica‘, einen Verbund von einem dem Kloster angesiedelten Buch- und Kunstverlag, einer Buch- und Kunsthandlung sowie von Kunstwerkstätten.

Diese Einflüsse prägen seine in zahlreichen Bänden dokumentierte Lyrik. Cremer setzt sich darin vor allem mit religiös inspirierten Kunstwerken auseinander, kommentiert sie und verdichtet seine Assoziationen zu ganz eigenen Dichtungen in Form von lyrischen Meditationen. Als Bildimpulse dienen dabei Fotografien, Plastiken, Holzschnitte, Graphiken oder Federzeichnungen. Gleich in zwei Bänden werden Bilder von Marc Chagall aufgenommen, andere aufgerufene Künstler sind unter anderem Sieger Köder2, George Braque oder Caritas Müller. Oft fügt er assoziative Bilddeutungen ein, bevor er die Impulse in Poesie kondensieren lässt.

Die von Cremer präsentierten – ästhetisch wertvoll gestalteten – Bände entwerfen so einen mehrfach gestuften Prozess: Aus biblischem oder religiösem Wort ward Bild, ward kommentierenden Text, wird Poesie. In Andeutung und Bildsetzung, in Rhythmisierung und Pause, in Gedankensetzung und imaginärem Gespräch öffnen sich dort neue Sinnräume.

Poesie im Gefolge der spanischen Mystiker


Zwei Texttraditionen werden aufgenommen: Zunächst die spirituellen Dichtungen der großen spanischen Mystikerinnen und Mystiker des 16. Jahrhunderts wie Luis de Léon, Teresa von Avila oder Johannes vom Kreuz. Cremers Aufnahme und Transformation dieses spirituell-poetischen Erbes führte 1993 zu der Auszeichnung mit dem internationalen Fernando-Rielo-Preis, der Werke fördert, die „geprägt sind von der Suche des Menschen nach den transzendentalen Werten und nach Gott“3.


In der Beschäftigung mit den Bildern und Glasmalereien von Marc Chagall entdeckt Cremer eine weitere Sprachquelle: die jüdische Dichtung nach 1945, vor allem die Werke der Nobelpreisträgerin Nelly Sachs (1891-1970). Immer wieder werden diese beiden so ganz eigengeprägten, über die Jahrhunderte verbundenen Texttraditionen aufgerufen und als poetische Vorbilder fruchtbar. Cremers Gedichte finden dennoch den ganz eigenen Ton. Oft sind sie dialogisch: gerichtet an Gott, an direkt angeredete biblische Gestalten, an uns Lesende.


Jeremia: “Brandwunden” “heilgemacht”


Schauen wir auf drei Beispiele. In dem 1984 erschienenen Gedichtband „Dein Atemzug holt Zeiten heim“ meditiert Cremer in Langgedichten die Gemälde von Marc Chagall zu biblischen Themen und Figuren. Zu dem 1956 entstandenen Chagall-Bild „Jeremia“ dichtet Cremer den – die direkte Anrede wählenden – folgenden Text4:


Nachtblitz Heimweh
Du
hütest das Wort in
deinem Schoß
lebenslang –
angerührt von der Feuerhand
jenseits
brandgezeichnet vom
Nachtblitz Heimweh und
dauernd gepflanzt in den
Tod

[…]

Ja –
Jeremia
einer hat
deiner stummen Klage
eine neue Sprache zugehaucht
und sie heißt Verstehen
einer hat
deine Brandwunden
aus der Glühschale
voller Fragen heil gemacht
einer hat
dein Hoffnungsgewand
an den Schmerzrändern der Welt
neu gewaschen in Blut

Cremer begibt sich in diesem – hier in Auszügen wiedergegebenen – Text in einen imaginären Dialog mit dem als „Du“ angeredeten Jeremia. In Bildfragmenten erinnert er an das leidgeprägte Schicksal des Propheten. Die Bezüge zur biblischen Gestalt werden dabei bewusst in Andeutungen belassen, die phantasiereiche Assoziationen freisetzen sollen. Jeremia erscheint als unerlöste Sehnsuchtsgestalt, die auf Erfüllung wartet (Sprachbilder: Heimweh, Rückwärtsschritt, Verlassenheit, Wehmutsschritte, unvergessbar brennend, Traummuschel, sehnsuchtsgeprägt).


Diese Sprechhaltung wird über mehrere Versgruppen ausgezogen bis zu dem Innehalten in „Ja – Jeremia“. Die letzten Versgruppen deuten eine Antwort auf die Sehnsucht, eine Erfüllung der Hoffnung an, erneut ohne sie explizit zu benennen. Der nun auftretende, namentlich nicht bezeichnete ‚eine‘ ist jedoch im christlichen Kontext als Jesus Christus identifizierbar: „Verstehen“, „heil“, „gewaschen“ sind die Sprachbilder, die auf diese Erfüllung in messianischem Kontext verweisen. Nicht um eine dogmatische ‚Antwort‘ geht es hier freilich, sondern um die Andeutung einer individuellen, spirituellen Auseinandersetzung mit Jeremia aus christlicher Perspektive. Als mögliche ‚Quintessenz‘ des Gedichtes festzuhalten, Jeremia erhalte in Christus seine Antwort und Erfüllung, verstieße gegen die Deutungsoffenheit des poetischen Textes. Das Gedicht ermöglicht andere Zugänge: Für den christlichen Betrachter Jeremias weist ein subjektiver spiritueller Deuteweg von diesem Propheten zu Jesus.


Weihnachten: Fest der Erlösung


Im Werk Cremers finden sich zahlreiche poetische Annäherungen und Ausdeutungen zu biblischen Gestalten.5 Ein weiterer immer wieder neu reflektierter Bereich ist das weite Feld des Kirchenjahres. Auch dazu ein Beispiel: Aus dem 1997 erschienenen Band „Denn Sterne wollen stets geboren sein“6 stammt der folgende Text:


Weihnacht
Einmal unter hohem Horizont
brach das Wort ein goldnes
Tor in unverhüllte Welt
Einmal ward die Stille hörbar
da ein Herz den
Keim zu reifer Frucht gelegt
Einmal ward das Ja zum Leben
Melodie der neuen Zeit –
unbegreiflich – Gott ward Mensch
Einmal prägt sich unverlierbar
tief ein Siegel in die Erde aller Fragen
Einmal klingt posaunenstark am Ende
Mensch – du bist erlöst und frei

Mit leichten Assoziationsstrichen malt Cremer einen lyrischen Bilderbogen. Wie Mosaiksteine setzen seine Verse Bildimpulse, die ein beruhigendes und tröstliches Gesamtbild erahnen lassen, das jeder und jede Lesende selbst für sich scharf stellen kann. Viermal führen die Versgruppen zunächst zurück zu dem, was „einmal“ – eben an Weihnachten – geschah. Der Mystiker weiß: Es lässt sich nur in Sprachbildern sagen, die sich aller Fassbarkeit und Eindeutigkeit verweigern. Ein Tor brach auf; ein Keim wurde in tiefste Stille gelegt; eine Melodie des Zuspruchs, des „Ja“ wurde hörbar; eine Besiegelung des Lebens wurde gesetzt – unwiderrufbar.


In all dem wird deutlich, was der bündelnde Schlussvers – allein gesetzt, dadurch hervorgehoben – bildlos als Zuspruch „posaunenstark“ formuliert: Seit Weihnachten ist der Mensch „frei und erlöst“. Was das konkret heißt, bleibt ungesagt. Frei – wovon und wozu? Erlöst – wovon und wohin? Die Dynamik der tatsächlich ‚frohen‘ Botschaft Weihnachtens wird hier eindrucksvoll bebildert. Den konkreten Inhalt müssen sich die Lesenden freilich selbst in ihre jeweilige Lebensrealität hinein übersetzen.


Ostern: Lied der Sehnsucht


Und Ostern? 1998 erschien ein Band mit lyrischen Meditationen zu romanischen Plastiken des spanischen Benediktinerklosters Santo Domingo de Silos unter dem Titel „Laßt uns das Lied der Sehnsucht singen“. Immer wieder neu umkreist Cremer das – die Vorstellungskraft durchbrechende – Geheimnis von Auferweckung: Wie ist es möglich, von Ostern zu reden?
Seht – die
Schwermutfelsen brechen
Weil die Lebensantwort plötzlich
grünen Weltengrund erschafft

So etwa setzt der Benediktiner seine Sprachbilder im Gedicht „Ostertanz“7. Deutlich wird dabei ein Grundzug dieser mystischen Poesie. Ein glaubender Mensch spricht zu Glaubenden. Cremers Texte sprechen in einen gläubig geprägten Kosmos hinein, anders als die Texte von Sölle oder Lehnert, aber vergleichbar mit den Gedichten von Andreas Knapp. In diesem Kontext bieten sie Innovation, Sprachsuche, neue Bildwelten. Ob sie ‚nach außen‘ verständlich sind oder Verständnismöglichkeiten schaffen, muss offenbleiben. Das ist nicht die erste Frage mystischer Wortsetzung. Gerade hier bleibt Cremer der von ihm explizit aufgerufenen Traditionslinie treu. Er schreibt spirituelle Poesie auf der ästhetischen Höhe unserer Zeit.


Drutmar Cremers Poesie lebt aus dem Sprachgestus des Bekenntnisses: „Dein Name / ist geritzt in / meinen Herzensgrund“8, lässt er Maria Magdalena zu Jesus sprechen. So in seinem letzten Gedichtband, konzentriert auf die biblisch motovierten Keramikgestaltungen von Caritas Müller aus dem Jahr 2011. Biblische Figur, Gedichtsprecherin und Verfasser lassen sich in dieser Aussage kaum trennen. Und weisen über den Einzeltext hinaus. Im 68. Jahr seiner Profess und im 63. Jahr seines Priestertums starb Drutmar Cremer am 14. März 2021.




Autor: Georg Langenhorst (geb. 1962), Prof. für Didaktik des Katholischen Religionsunterrichts/Religionspädagogik an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Augsburg, zahlreiche Veröffentlichungen zum Verhältnis von Theologie und Literatur, zuletzt: „In welchem Wort wird unser Heimweh wohnen?“ Religiöse Motive in der neueren Literatur (Herder. Freiburg 2020).

1 Vgl. Georg Langenhorst: Gott als Wirkwort. Andreas Knapps befreiende Suche nach dem poetischen Gotteserweis, in: feinschwarz.net, 08.02.2018.
2 Vgl. Drutmar Cremer. Mit Feuerhand erwählt bei Nacht. Gedichte zu Bildern von Sieger Köder, Mainz 1999.
3 In Drutmar Cremer: Im Morgenrot singst du das neue Lied. Gedichte zu Glasmalereien von Marc Chagall, Mainz 1995, 7.
4 Drutmar Cremer: Dein Atemzug holt Zeiten heim. Gedichte zu Bildern der Bibel von Marc Chagall, Limburg 1984, 76-80.
5 Vgl. dazu Georg Langenhorst (Hg.): Und er spricht mit leisen Deuteworten … 164 Gedichte zu biblischen Themen, Motiven und Figuren, Stuttgart 2019.
6 Drutmar Cremer: Denn Sterne wollen stets geboren sein. Gedichte und Gebete, Mainz 1997, 47.
7 Drutmar Cremer: Laßt uns das Lied der Sehnsucht singen. Gedichte zum Mysterium von Ostern nach romanischen Plastiken in Santo Domingo de Silos, Mainz 1998, 41.
8 Drutmar Cremer: Ich bin bei dir. Gedanken und Gedichte zu biblischen Skulpturen in Keramik von Caritas Müller, Stuttgart 2011, 54.


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