Laacher Messbuch

2. Sonntag im Jahreskreis

19. Januar 2020

Alle Welt bete dich an, o Gott, und singe dein Lob,
sie lobsinge deinem Namen, du Allerhöchster.
Ps 66,4

Man kann seine Wohnung vor Einbruch schützen. Man kann sich durch eine gesunde Lebensweise vor Krankheiten schützen. Man kann sich durch Versicherungen vor Unfällen absichern. Und dennoch gibt es keine letzte Sicherheit. Wir sind und bleiben als Menschen verwundbar. Ganz anders ist es, wenn von Gott die Rede ist. Als Erstes ist meist von seiner Größe und Allmacht die Rede. Das ist nicht falsch, aber es trifft auch nicht die volle Wahrheit. Denn in Jesus Christus ist Gott Mensch geworden. Er hat die Verwundbarkeit des menschlichen Lebens am eigenen Leib erfahren. Johannes der Täufer bringt das im heutigen Evangelium dadurch zum Ausdruck, dass er Jesus das Lamm Gottes nennt.
Das Lamm steht nicht nur in der jüdischen Tradition für Wehrlosigkeit und Verwundbarkeit. Wie kann man aber begreifen, dass Gott die Ungesichertheit des Menschen in Jesus auf sich genommen hat? Begreifen kann man es nicht, aber man kann sich darauf einlassen. Wer es macht, wird ermutigt, die eigene Verwundbarkeit anzunehmen. Denn das fällt nicht immer leicht. Viele kämpfen ihr Leben lang dagegen an und setzen sich so permanent selbst unter Druck. Wo Menschen nicht den starken Mann oder die starke Frau markieren, sondern akzeptieren, dass sie verletzlich sind, wird das Leben leichter. Außerdem wird es eher möglich, auch die Verwundbarkeit des anderen zu entdecken. Das ist die Voraussetzung dafür, um solidarisch zu sein. Wie gnadenlos dagegen ist eine Welt, in der jeder nur darum kämpft, sich unverwundbar zu machen!


Kyrie-Rufe

Oder: GL 481 • KG 509
Herr Jesus Christus, du hast als Mensch wehrlos und schutzlos unter uns gelebt. Kyrie, eleison.
Herr Jesus Christus, du weißt, wie unsicher und bedroht unser Leben ist. Christe, eleison.
Herr Jesus Christus, sei du unsere Stärke in all unserer Verwundbarkeit. Kyrie, eleison.

Gloria



Tagesgebet


Allmächtiger Gott, du gebietest über Himmel und Erde, du hast Macht über die Herzen der Menschen. Darum kommen wir voll Vertrauen zu dir; stärke alle, die sich um die Gerechtigkeit mühen, und schenke unserer Zeit deinen Frieden. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Erste Lesung

Jes 49,3.5–6
Lesung aus dem Buch Jesája.
Der HERR sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke.
Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. |F
Wort des lebendigen Gottes.

¬ Vier sogenannte Gottesknechtslieder finden sich im Buch des Propheten Jesaja. In dieser Lesung sind Ausschnitte aus dem zweiten Lied enthalten. Wer konkret mit dem Gottesknecht gemeint ist, ist in den Liedern nicht immer klar zu bestimmen. Ziemlich eindeutig ist jedoch, dass es in diesen Liedern um die Frage geht: Kann angesichts großer Enttäuschungen an den Verheißungen Gottes festgehalten werden? Am Ende des Babylonischen Exils stand die Hoffnung der Israeliten auf eine Rückkehr in die Heimat und auf ein gutes Leben auf der Kippe. Die in den Perserkönig Kyros gesetzten Erwartungen schienen sich nicht zu erfüllen. Je unzumutbarer die Lebensbedingungen der Menschen wurden, umso mehr stand auch die Frage nach Gott auf dem Spiel. Der Prophet will den Menschen Mut machen. Gott wird seinen »Knecht« senden, der das Heil bringen wird. In diesem Sinne sind die Gottesknechtslieder Lieder des Trostes und der Ermutigung – nicht nur für Israel, sondern für die ganze Welt.

Antwortpsalm

Ps 40 (39),2.4ab.7–8.9–10 (Kv: vgl. 8a.9a)
Kv Mein Gott, ich komme;
deinen Willen zu tun, ist mein Gefallen. – Kv
Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN. *
Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien.
Er gab mir ein neues Lied in den Mund, *
einen Lobgesang auf unseren Gott. – (Kv)
An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, /
doch Ohren hast du mir gegraben, *
Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert.
Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. *
In der Buchrolle steht es über mich geschrieben. – (Kv)
Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen *
und deine Weisung ist in meinem Innern.
Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, *
meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es. – Kv

Zweite Lesung

1 Kor 1,1–3
Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korínth.
Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sósthenes an die Kirche Gottes, die in Korínth ist – die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen –, mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! |F
Wort des lebendigen Gottes.

¬ Paulus nennt die Gläubigen in Korinth »Geheiligte« bzw. »berufene Heilige«. Das überrascht. Denn in Korinth gab es jede Menge Zankereien und Streitigkeiten. Das zeigen die Briefe des Apostels Paulus: Nächstenliebe und Gemeinsinn standen in dieser Gemeinde nicht immer an erster Stelle. Keiner weiß das besser als Paulus. Dennoch spricht er von Geheiligten und Heiligen. Er meint aber gerade nicht Menschen, die moralisch besonders gut dastehen oder gar ein heiligmäßiges Leben führen. Es geht darum, dass der Gemeinde in Korinth durch Jesus Christus ganz neu Anteil an der Heiligkeit Gottes geschenkt wurde. Schon im Alten Testament wurde die ganze Gemeinde Gottes heilig genannt (Numeri 16,3). Dem Beispiel Jesu folgend, können und sollen die Menschen die Heiligkeit Gottes nachahmen.

Ruf vor dem Evangelium

Vers: Joh 1,14a.12a
Halleluja. Halleluja.
Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Allen, die ihn aufnahmen,
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.
Halleluja.

Evangelium

Joh 1,29–34
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.
In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird.
Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.
Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes. |F
Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.

¬ Johannes der Täufer ist ein Zeuge dafür, dass Jesus der erwartete Retter und der Messias ist. Diese Zeugenschaft ist seine Aufgabe. Wenn er Jesus das »Lamm Gottes« nennt, greift er auf zwei sehr bekannte jüdische Traditionen zurück. Zum einen auf das Paschafest, in dessen Rahmen Lämmer geschlachtet wurden. Diese Lämmer erinnerten an die Befreiung aus der Gefangenschaft aus Ägypten. Von daher ist es kein Zufall, dass Jesus während des Schlachtens der Paschalämmer im Tempel am Kreuz stirbt. Zum anderen steht die Tradition des Knechtes Gottes im Hintergrund. Alles, was vom Gottesknecht gesagt wurde, gilt auch für Jesus Christus. Er ist von Gott erwählt, trägt den Geist Gottes in sich und nimmt die Schuld der vielen auf sich. Durch sein stellvertretendes Leiden bewirkt Jesus das Heil für das Volk, weil er die Sünde der ganzen Welt auf sich nimmt. Es gibt jeden Tag die Chance auf Umkehr und einen Neuanfang!

Credo



Fürbitten


Lebendiger Gott, in Jesus Christus hast du unsere Verwundbarkeit geteilt. Wir bitten dich:
V: Guter Vater, A: wir bitten dich, erhöre uns.
– Für Familien, die getrennt leben. Dass sie erfahren, dass sich alle Familienmitglieder mit Respekt und Wohlwollen begegnen.
– Für diejenigen, die durch Missbrauch an Körper und Seele verletzt wurden. Dass sie erfahren, dass ihre Täter ihre Schuld erkennen und bereuen.
– Für Menschen, die sich einsam fühlen. Dass andere Menschen auf sie zugehen und sie dadurch Nähe und Gemeinschaft erfahren.
– Für Pflegekräfte in Altersheimen und Krankenhäusern. Um die notwendigen Rahmenbedingungen, dass sie ihre Tätigkeit mit Freude ausüben können.
Guter Gott, zu dir dürfen wir allezeit in unseren Anliegen kommen. Schenke uns deinen Geist, der uns sensibel macht für die Nöte unserer Mitmenschen, durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Gabengebet


Herr, gib, daß wir das Geheimnis des Altares ehrfürchtig feiern; denn sooft wir die Gedächtnisfeier dieses Opfers begehen, vollzieht sich an uns das Werk der Erlösung. Durch Christus, unseren Herrn.

Präfation

Sonntage II
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater, zu danken und das Werk deiner Gnade zu rühmen durch unseren Herrn Jesus Christus. Denn aus Erbarmen mit uns sündigen Menschen ist er Mensch geworden aus Maria, der Jungfrau. Durch sein Leiden am Kreuz hat er uns vom ewigen Tod befreit und durch seine Auferstehung uns das unvergängliche Leben erworben. Darum preisen dich deine Erlösten und singen mit den Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit.

Einladung zum Vaterunser


In dieser Welt gibt es vieles, was uns verunsichert und beunruhigt. Wir suchen Halt und Orientierung in den Worten, die Jesus uns zu beten gelehrt hat: Vater unser im Himmel …

Einladung zum Friedensgebet


Der Friede Gottes kommt nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe und Gerechtigkeit. In diesem Sinne bitten wir: Herr Jesus Christus …

Kommunionvers

1 Joh 4,16
Wir haben die Liebe erkannt und an die Liebe geglaubt, die Gott zu uns hat.
Oder: Ps 23,5
Herr, du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du füllst mir reichlich den Becher.

Schlussgebet


Barmherziger Gott, du hast uns alle mit dem einen Brot des Himmels gestärkt. Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe, damit wir ein Herz und eine Seele werden. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlusssegen

Im Jahreskreis II
Der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus.
Das gewähre euch der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

***

Gott
hat es
nicht ausgehalten
weit weg zu sein
von der Verwundbarkeit
der Menschen

Warum halten wir
es nicht aus
verwundbar
zu sein


Guido Groß