Laacher Messbuch

11. Sonntag im Jahreskreis

13. Juni 2021

Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen,
sei mir gnädig und erhöre mich.
Du bist meine Hilfe: Verstoß mich nicht,
Ps 27,7.9

Gott geht vor. Er ist der Vater und Schöpfer aller Dinge. Er ist vor aller Zeit und ist der Schöpfer der Zeit. Wir dürfen uns Zeit nehmen für den Schöpfer der Zeit. Gott geht vor. Er war, bevor Raum war, und ist der Schöpfer des Raums. Wir dürfen dem Schöpfer des Raums Raum geben in uns. Gott geht vor. Er ist der Schöpfer der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Wir wollen nicht auf das Sichtbare starren, sondern dem Unsichtbaren nachspüren mit den Augen des Glaubens, mit unseren Herzen.

Kyrie-Rufe

Oder: GL 160 • KG 376
Herr Jesus Christus, durch unsere Taufe gehören wir ganz zu dir. Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, in dir schauen wir das Angesicht Gottes. Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, in deiner Kraft dürfen wir wachsen und reifen. Herr, erbarme dich.

Gloria



Tagesgebet


Gott, du unsere Hoffnung und unsere Kraft, ohne dich vermögen wir nichts. Steh uns mit deiner Gnade bei, damit wir denken, reden und tun, was dir gefällt. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Erste Lesung

Ez 17,22–24
Lesung aus dem Buch Ezéchiel.
So spricht GOTT, der Herr: Ich selbst nehme vom hohen Wipfel der Zeder und setze ihn ein. Einen zarten Zweig aus ihren obersten Ästen breche ich ab, ich selbst pflanze ihn auf einen hohen und aufragenden Berg. Auf dem hohen Berg Israels pflanze ich ihn. Dort treibt er dann Zweige, er trägt Früchte und wird zur prächtigen Zeder. Alle Vögel wohnen darin; alles, was Flügel hat, wohnt im Schatten ihrer Zweige.
Dann werden alle Bäume des Feldes erkennen, dass ich der HERR bin. Ich mache den hohen Baum niedrig, den niedrigen Baum mache ich hoch. Ich lasse den grünenden Baum verdorren, den verdorrten Baum lasse ich erblühen. Ich, der HERR, habe gesprochen und ich führe es aus. |F
Wort des lebendigen Gottes.

¬ In jüngerer Zeit hat »Das geheime Leben der Bäume« durch die Bücher von Peter Wohlleben große Aufmerksamkeit erfahren. Bäume gehören zu den Ursymbolen der Menschheit, zum mythologischen Schatz der Völker, zu den lebendigsten geistlichen Metaphern des Glaubens. Jesus knüpft in seiner Reich-Gottes-Verkündigung an diese reiche Tradition an. Ist der »alte Baum«, das Volk Israel, am Ende? In der Enttäuschung des Babylonischen Exils macht Ezechiel dem Volk Hoffnung. Es geschieht etwas Neues. Von Gott her kommt ein Keim neuen Aufbaus und neuer Wirklichkeit in Geschichte und Welt. Der zarte Zweig wird zu einer neuen prächtigen Zeder. Dies weckt auch die Assoziation des Aufpfropfens und der Veredelung, ein Vorgang, der uns an unsere Taufe denken lässt. Romano Guardini sagt: »Ein wilder Obstbaum wächst aus seiner natürlichen Mitte. Sobald der Gärtner ihn veredelt, wird in seinem Bestand aus einem anderen Lebendigen her ein frisches Element des Wachstums eingesenkt und der alte Baum trägt durch es neue Frucht. In Christus geschieht das. In Ihm wird der Mensch wiedergeboren, durch den Heiligen Geist, zur Anteilnahme an Christi gottmenschlichem Leben.«

Antwortpsalm

Ps 92 (91),2–3.13–14.15–16 (Kv: 2a)
Kv Gut ist es, dem HERRN zu danken. – Kv

Gut ist es, dem HERRN zu danken, *
deinem Namen, du Höchster, zu singen und zu spielen,
am Morgen deine Huld zu verkünden *
und in den Nächten deine Treue. – (Kv)

Der Gerechte sprießt wie die Palme, *
er wächst wie die Zeder des Líbanon.
Gepflanzt im Hause des HERRN, *
sprießen sie in den Höfen unseres Gottes. – (Kv)

Sie tragen Frucht noch im Alter *
und bleiben voll Saft und Frische;
sie verkünden: Der HERR ist redlich, *
mein Fels! An ihm ist kein Unrecht. – Kv

Zweite Lesung

2 Kor 5,6–10
Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korínth.
Schwestern und Brüder! Wir sind immer zuversichtlich, auch wenn wir wissen, dass wir fern vom Herrn in der Fremde leben, solange wir in diesem Leib zu Hause sind; denn als Glaubende gehen wir unseren Weg, nicht als Schauende. Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein.
Deswegen suchen wir unsere Ehre darin, ihm zu gefallen, ob wir daheim oder in der Fremde sind. Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat. |F
Wort des lebendigen Gottes.

¬ Auf unserer irdischen Pilgerschaft sehen wir Gott nur in Zeichen, Bildern, Symbolen. Dies ist ein gebrochenes, bisweilen verzerrtes Schauen. Augustinus hat deshalb die Gottsuche nach innen verlegt: »Gehe nicht nach draußen, kehre in dich selbst ein; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.« Paulus hatte letzten Sonntag eingeladen, nicht auf das Sichtbare zu starren, sondern nach dem Ewigen auszublicken. In der Ewigkeit schauen wir von Angesicht zu Angesicht, hier aber nur in einen Spiegel. Das echte und unverstellte Schauen verheißt Paulus als Hoffnung und Lohn. Als Glaubende gehen wir unseren Lebensweg, nicht als Schauende! Dieses Schauen, das Paulus dem Glauben entgegensetzt, ist doppeldeutig: einmal als große Verheißung, die unser glaubendes Schauen in der Welt als wirkliches Schauen Gottes vollendet; andersherum aber als Kritik an einem verkrampften Starren auf das bloß Irdische, das uns den Blick für die Ewigkeit verstellt. In dieser Deutung wäre das Wort des Paulus eine Aufforderung, nicht am Schein hängen zu bleiben, sondern glaubend zum Sein Gottes durchzubrechen.

Ruf vor dem Evangelium


Halleluja. Halleluja.
Der Samen ist das Wort Gottes, der Sämann ist Christus.
Wer Christus findet, der bleibt in Ewigkeit.
Halleluja.

Evangelium

Mk 4,26–34
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Markus.
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war. |F
Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.

¬ Das Korn wächst automatisch, ohne Zutun des Bauern. Gott schafft Raum, lässt wachsen. Er lässt das Reich Gottes wachsen nach Art seiner Schöpfung, als er sprach: »Das Land lasse junges Grün wachsen« (Gen 1,11). Gott schafft Raum für anderes. »Er nimmt sich zurück, um anderes sein zu lassen« (Thomas Ruster). Er ist kein Superingenieur, kein Supermanager, kein Verwaltungsweltmeister. Er lässt entstehen. Wir können das Reich Gottes nicht machen, schon gar nicht herbeizwingen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf (Ps 127,2). Das griechische Wörtchen »automaté« im Originaltext (dt.: von selbst, automatisch) stellt unsere Vorstellungen von Kirche infrage. Papst Franziskus schrieb den deutschen Bischöfen 2015: »Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Die Kirche ist aber lebendig.« Der bengalische Dichter Thakur sagt es knapper und deutlicher: »Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.«

Credo



Fürbitten


Gott, du schaffst unseren Schritten weiten Raum. Wir wanken nicht, weil du mit uns gehst. Wir kommen zu dir mit unseren Sorgen und Anliegen.
V/A: Schaffe Raum, Raum schaffender Gott!
– Wenn Menschen in Unrechtsregimen ihrer Freiheit beraubt werden.
– Wenn Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
– Wenn Menschen die Angst ergreift, im Leben zu scheitern.
– Wenn die Gespräche zwischen uns und den suchenden Menschen verstummen.
– Wenn unsere Gemeinden verknöchern und eng werden.
– Wenn wir selbst in unserem Dienst mutlos sind und uns einkapseln.
Gott, du bist bei uns im Geist. Wir danken dir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Gabengebet


Herr, durch diese Gaben nährst du den ganzen Menschen: Du gibst dem irdischen Leben Nahrung und dem Leben der Gnade Wachstum. Laß uns daraus immer neue Kraft schöpfen für Seele und Leib. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Präfation

Sonntage III
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott, immer und überall zu danken. Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem, was du an uns getan hast: Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit zu Hilfe gekommen und hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn Rettung und Heil gebracht aus unserer menschlichen Sterblichkeit. So kam uns aus unserer Vergänglichkeit das unvergängliche Leben durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit dein Erbarmen und singen mit den Chören der Engel das Lob deiner Herrlichkeit.

Einladung zum Vaterunser


Das Reich Gottes wächst mitten unter uns im Verborgenen. Wir beten im Vaterunser um neues Bewusstsein für das Kommen des Reiches Gottes. So beten wir: Vater unser im Himmel …

Einladung zum Friedensgebet


Der Baum, in dessen Schatten die Vögel des Himmels nisten können, ist ein Sinnbild des Friedens. Das Reich Gottes ist ein Reich des Friedens. So bitten wir: Herr Jesus Christus …

Kommunionvers

Ps 27,4
Nur eines erbitte ich mir vom Herrn, danach verlangt mich: im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens.
Oder: Joh 17,11
Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.

Schlussgebet


Herr, unser Gott, das heilige Mahl ist ein sichtbares Zeichen, daß deine Gläubigen in dir eins sind. Laß diese Feier wirksam werden für die Einheit der Kirche. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Schlusssegen

Im Jahreskreis V
Gott, der allmächtige Vater, segne euch; er bewahre euch vor Unheil und Schaden.
Er öffne eure Herzen für sein göttliches Wort und bereite sie für die unvergänglichen Freuden.
Er lasse euch erkennen, was zum Heile dient, und führe euch auf dem Weg seiner Gebote zur Gemeinschaft der Heiligen.
Das gewähre euch der dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

***

Vom Lassen in der Gelassenheit

Nicht erzwingen, beschleunigen, hinbiegen,
sondern wachsen lassen.

Nicht vorschnell sich festlegen, verurteilen, abstempeln,
sondern offenlassen.

Nicht unnötig komplizierter machen, sich belasten, überladen,
sondern weglassen.

Nicht vorbeugen, verhindern, umgehen,
sondern zulassen.

Nicht verschließen, fürchten, ausschließen,
sondern einlassen.

Nicht verkrampfen, versteifen, festhalten,
sondern gelassen sich Gott überlassen.


Wolfgang Steffel